Beim Lösen kniffliger Probleme hilft oft eine andere Sichtweise. Besonders knifflig sind die mysteriösen Klimaschwankungen zwischen Eis- und Warmzeiten. Welcher Taktgeber läutet sie ein? Möglicherweise lässt sich dieses Rätsel aus einer völlig abgehobenen Perspektive beantworten.

Dazu stelle man sich vor, wir verlassen die Erde und unser Sonnensystem, fliegen senkrecht hinauf über die Milchstraße, bis wir unsere Heimatgalaxie mit ihren vier mächtigen Spiralarmen überblicken. Nun gilt es, aus dieser extragalaktischen Perspektive unsere Sonne zu verfolgen. Sie verschwindet fast neben den Milliarden anderer Sterne und fällt dadurch auf, dass sie schneller um das Zentrum der Milchstraße kreist als der gleißende Strudel der Spiralarme (siehe Zeichnung). Daher durchquert sie immer wieder die vier hell leuchtenden Spiralarme der Galaxie – und zwar in einem relativ regelmäßigen Rhythmus von etwa 145 Millionen Jahren. Das Kuriose ist: In ähnlichem Rhythmus wechseln auf der Erde Warm- und Eiszeiten. Steuert also die Milchstraße unsere irdischen Temperaturen, und wenn ja, wie?

Als "treibende Kraft des Klimas auf der Erde", heißt es jetzt in einer Pressemitteilung der Universität Bochum, hätten der Geologe Jan Veizer und der israelische Astrophysiker Nir J. Shaviv einen neuen Verdächtigen ausgemacht: "Kosmische Strahlung könnte der Hauptmotor der Erwärmung und Abkühlung sein." Der Bochumer Veizer und sein Kollege Shaviv von der Hebrew University in Jerusalem haben umfangreiche irdische und kosmologische Daten analysiert und einen Bericht über den galaktischen Klimaantrieb in der Juli-Ausgabe von GSA Today veröffentlicht, dem Blatt der Geological Society of America (GSA). "Wir beide kannten uns früher nicht", sagt Jan Veizer. "Wir fanden zusammen, weil in unseren Daten eine auffällig ähnliche Periodizität steckt."

Bereits vor einem Jahr hatte Nir Shaviv im angesehenen Fachblatt Physical Review Letters erstmals die Idee publiziert, dass die Reise unseres Sonnensystems durch die Spiralarme der Milchstraße den kosmischen Strahlenfluss verändert und dass dies irdische Klimaschwankungen auslösen könnte. Der 30-jährige Shaviv forschte damals als Postdoktorand am Kanadischen Institut für Theoretische Astrophysik in Toronto und verfolgte die Debatte unter Klimaforschern über die Auswirkung kosmischer Strahlen auf die Wolkenbildung.

Meteoriten als Strahlenmesser

Die These lautet vereinfacht: Die energiereiche kosmische Strahlung erzeugt in der Erdatmosphäre molekulare Trümmer und geladene Teilchen. Diese fördern als Kondensationskeime die Wolkenbildung. Die Wolken wiederum reflektieren einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All und kühlen so das Klima. Die Wirkungskette lautet also: Mehr Strahlung, mehr Wolken, mehr Abkühlung.