Sagen Sie mir: Was soll ich machen?" Immer wieder hat Michael Steiner diese Frage gestellt. Kosovaren, Albaner wie Serben, hat er zum Essen eingeladen oder in sein bescheidenes Büro im UN-Hochhaus von Prishtina geholt und sie bedrängt, Antworten zu finden. Fordernd hat er die Gäste angelächelt, die Beine übereinander geschlagen und auf seinem Stuhl gewippt. Die Antworten der Besucher hat Steiner präzise aufgeschrieben. Die Gäste wussten: Was wir jetzt sagen, das macht dieser Deutsche. Michael Steiner, 53 Jahre alt, UN-Sonderbeauftragter für ein politisches Problem namens Kosovo. Meist hat sich Steiner an die Ratschläge der Kosovaren gehalten. Am nächsten Tag hat er bei einigen von ihnen angerufen und sich bedankt: "Sie hatten Recht. Ein guter Rat!"

Michael Steiners Mission endet in diesen Tagen – vier Jahre nach dem Ende des Kosovo-Kriegs. Im August wechselt er als UN-Botschafter nach Genf. Ein Nachfolger ist noch nicht gefunden. Seit 1991 ist Steiner, nur unterbrochen durch eine kurze Episode in Gerhard Schröders Kanzleramt, auf dem Balkan engagiert gewesen, die vergangenen anderthalb Jahre im Kosovo, wo die Regierung in Belgrad von amerikanischen, russischen, französischen und deutschen Soldaten gezwungen wurde, mit den Albanern im Kosovo Frieden zu schließen. Michael Steiner ist von der internationalen Gemeinschaft entsandt worden, um einen umkämpften Landstrich anzubinden ans demokratische, pluralistische Europa. Was ist daraus geworden?

Michael Steiner, das ist der kommende Mann, heißt es 1992 in Kroatiens Hauptstadt Zagreb, als der ungemein aktive Diplomat dort die Deutsche Humanitäre Hilfe leitet und durch unkonventionelle Ideen auffällt. Zum Beispiel kommt er darauf, die Serben in Kroatien mit deutschen Medikamenten zu versorgen, damit niemand folgern könne, die Deutschen stünden noch immer, wie im Zweiten Weltkrieg, an der Seite der katholischen Kroaten. Sein Name hat einen guten Klang: Steiner, heißt es, ist der Mann der neuen deutschen Balkan-Politik, einer ohne historische Komplexe. Nach dem Krieg in Bosnien-Herzegowina folgt Steiner als "zweiter Mann" dem Schweden Carl Bildt, dem UN-Sondergesandten für den Balkan, ins ehemalige Kriegsgebiet. Bosnische Politiker fürchten die Arbeitsessen mit dem dürren, quirligen Deutschen: Vor Staunen und Stammeln bekommt man keinen Bissen in den Mund. Man sieht dem Fremden an, dass er selbst gute Mahlzeiten nicht wirklich genießen kann. Als Steiner nach anderthalb Jahren Bosnien-Herzegowina verlässt, enttäuscht, weil seine Regierung ihn nicht als ersten Mann inthronisieren will, trauern ihm viele Menschen nach. In der Hauptstadt Sarajevo kommt es zur ersten spontanen Demonstration seit vielen Jahren.

"Das ist der richtige Mann, habe ich gedacht", sagte Veton Surroi, als Steiner Anfang 2002 als Sondergesandter des UN-Generalsekretärs und Chef der internationalen Verwaltung in Prishtina im Kosovo seinen neuen Dienstsitz bezog. "Dynamisch und kompetent." Surroi, der Meinungsführer im Kosovo, besitzt eine Tageszeitung und einen Fernsehsender. Dass Surroi jetzt anders über ihn denkt, hat Steiners Ansehen im Kosovo sehr geschadet. Natürlich gibt es politische Differenzen, aber das ist es nicht.

Schleichend breitet sich im Kosovo schon im ersten Dienstjahr des neuen Gesandten eine allgemeine Abneigung gegen Michael Steiner aus. Heute verbindet dieses Gefühl die sonst so verbindungslosen Albaner und Serben, ja sogar die meisten Mitarbeiter internationaler Organisationen im Kosovo, die so genannten internationals. Anfangs hat es sie nur gestört, dass Steiner vieles, was man ihm zu erklären versuchte, längst wusste, dieses Vorwissen aber für sich behielt, um bloß nicht arrogant zu wirken. Manchmal haben ihn Besucher verdutzt angesehen, wenn Steiner sie erneut löcherte, was er jetzt tun solle. Dabei wissen die meisten seiner Gesprächspartner: Dieser Steiner hat hier im Kosovo schon so viel gemacht, der kann sich seine Fragen selbst beantworten. Warum diese immergleichen Fragen? Hatte der Mann denn keine eigenen Pläne?

Steiners Hast und Ungeduld gehen vielen Kosovaren auf die Nerven. Man will ihm etwas nachsagen, ihm, der sich nichts nachsagen lässt. Da sind die Zornesausbrüche des dünnhäutigen "Kommandanten", die sich immer dann eingestellt haben, wenn der Balkan nicht so prompt reagiert hat, wie ein deutscher Aufräumer es erwartet. Öffentlich hat Steiner einmal einen amerikanischen Fahrer angebrüllt, der im Verkehr stecken blieb. Steiners Büro hat missgünstig kolportiert, dass der neue Chef gleich nach seinem Amtsantritt seinem amerikanischen Stellvertreter den Bürostuhl abnahm, weil Steiner diesen Stuhl schöner fand. Hätte man Steiner darauf angesprochen, hätte er gewiss eine gute Antwort gewusst.

Andy Bearpark, Chef der EU-Mission, "dankte" Steiner vor den Gästen auf seiner Geburtstagsparty ausdrücklich dafür, dass dieser nicht gekommen war – und die Partygesellschaft applaudierte vergnügt. Serben verübeln Steiner seine albanische Freundin. Aufgrund ihrer früheren Verbundenheit zum Führer der albanischen "Befreiungsarmee" UÇK, Hashim Thaçi, vermuten Serben ein Komplott. "Das mit der Freundin ist objektiv von Bedeutung", glaubt die Serben-Vertreterin Rada Trajkovic, die ansonsten Steiners "Intelligenz" lobt und zugleich betont, dass sie "die deutsche Art" im Grunde sehr schätze. Mit seinen Auftritten, meint Trajkovic, erinnere Steiner allerdings "eher an die Deutschen aus dem Jahr 1944". Sie weiß, dass sie nichts Gemeineres sagen kann.

Und Steiners Erfolge? Wenn britische Soldaten der Kosovo-Schutztruppe KFor mit Maschinenpistolen an Internet-Cafés und Bankfilialen von Prishtina entlanglaufen, wirken sie wie Krieger aus einer versunkenen Zeit. Überall, selbst im rasch gewachsenen Prishtina, können Albaner und Ausländer sich heute, vier Jahre nach Kriegsende, frei und sicher bewegen. Im Kosovo sind seit Jahresbeginn 30 Menschen ermordet worden, kaum mehr als im Raum Köln, wo ähnlich viele Menschen leben. Auf den Straßen der Hauptstadt Prishtina wird wieder gefahrlos Serbisch gesprochen. Die neue Kosovo-Polizei, unter internationaler Aufsicht aufgebaut, bekommt überall die besten Noten. Eine Mustertruppe. Selbst die Taxifahrer, die sonst auf dem Balkan besonders oft über Wegelagerei korrupter Polizisten stöhnen, loben die Männer und Frauen in ihren blauen Uniformen für ihre Korrektheit. Polizeichef Stefan Feller, ein Mann aus Nordrhein-Westfalen, rühmt den Corpsgeist und die fachliche Kompetenz seiner 5500 Leute. "In Deutschland kann man sich so einen raschen Aufbau kaum vorstellen", sagt er. "Hier ist ein Jahr wie drei bei uns." Seit einem Jahr sind auch frühere Führer der albanischen Guerilla-Armee UÇK vor Strafverfolgung nicht mehr sicher. Proteste gegen die Verhaftungen verstummen rasch. Der Krieg, der 15 Monate dauerte und 13000 Menschenleben kostete, scheint heute lange vorbei.