In seiner ersten Rede im Deutschen Bundestag im September 1949 beklagte Bundespräsident Theodor Heuss, dass "manche Leute in Deutschland" die Untaten des "Dritten Reichs" "zu rasch vergessen" wollten. Heute, 50 Jahre später, wird eher vor einem Übermaß an Erinnerung gewarnt. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und seinen Massenverbrechen hat immer zwischen diesen beiden Polen – der Sorge vor dem "Zuwenig" und dem Lamento über ein "Zuviel" – geschwankt.

Nun hat der junge Leipziger Kulturhistoriker Nicolas Berg dieses Spannungsverhältnis zum Thema einer groß angelegten Untersuchung gemacht, die in der historischen Zunft für Aufregung sorgt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Historiker nach 1945 mit dem Holocaust umgegangen sind und welche Wege die Forschungen in den Jahrzehnten bis zur Wiedervereinigung 1990 genommen haben. Berg hantiert etwas sorglos mit dem modischen Vokabular der Diskursgeschichte, hat darüber aber das solide Quellenstudium nicht vernachlässigt. Die Arbeit stützt sich nicht nur auf veröffentlichte Schriften, sondern vor allem auf Korrespondenzen aus den Nachlässen führender Historiker.

Protestantische Bußfertigkeit

Der Autor weist nach, dass in den ersten Wortmeldungen aus der deutschen Historikerschaft nach Kriegsende vom Judenmord allenfalls am Rande die Rede war. Man betonte vielmehr die eigene Opferrolle. Friedrich Meinecke bezeichnete in seinem Schlüsselwerk Die deutsche Katastrophe (1946) das "Dritte Reich" als ein "Zeitalter innerer Fremdherrschaft", in dem es einem "Verbrecherclub" gelungen sei, das deutsche Volk "zwölf Jahre hindurch in seine Gefolgschaft zu zwingen". Für Gerhard Ritter, den einflussreichen Freiburger Historiker, war der Nationalsozialismus etwas "Undeutsches", "eine satanische Verfälschung echter deutscher Tradition". Und selbst Hans Rothfels, der wegen seiner jüdischen Herkunft hatte emigrieren müssen, vertrat in seinem Buch Die deutsche Opposition gegen Hitler (1948) die Ansicht, "daß Deutschland nach 1933 ein‚ besetztes Land‘ war". In der Zunft fand dieses Buch eine begeisterte Aufnahme, entsprach es doch, wie Berg hervorhebt, dem Bedürfnis nach einer "Gegenerzählung zum Nationalsozialismus".

Die fünfziger Jahre gelten gemeinhin als eine Zeit der Verdrängung und der Restauration. Was die deutsche Geschichtswissenschaft angeht, versucht Nicolas Berg diese Vorstellung zu korrigieren. Er erkennt bereits im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik das Bemühen, das Schweigen zu überwinden und die Judenvernichtung ins öffentliche Gedächtnis zu rücken. Freilich zeigt er am Beispiel der Göttinger Historiker Hermann Heimpel und Reinhard Wittram, wie unzulänglich diese Versuche blieben. Beide übten sich in "protestantischer Bußfertigkeit", ihr Nachdenken über die eigene schuldhafte "Verstrickung" trug Züge eines bekennerhaften Rituals, wobei an die Stelle einer konkreten Analyse der Täter und ihrer Taten das Räsonieren über das schlechthin "Böse" in der menschlichen Natur trat.

Dagegen machte eine junge Generation von Forschern Front, die sich in den fünfziger Jahren am neu gegründeten Münchner Institut für Zeitgeschichte versammelte. "Vergangenheitsbewältigung" – ein Begriff, der damals aufkam – war unter diesen Historikern verpönt. Statt folgenloser Schuld- und Schambekenntnisse wollten sie nüchterne Quellenforschung betreiben und über die tatsächlichen Verbrechen aufklären. Nicolas Berg hat die Frühgeschichte des Instituts noch einmal gründlich durchleuchtet, und das Resultat ist weniger glanzvoll, als es in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum aus dem Jahre 1999 erscheint. Zwar würdigt er die Leistungen, etwa die Edition der Memoiren von Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß (1958), die der Täterforschung wichtige Anstöße gab, oder das zweibändige Gutachten zum Frankfurter Auschwitz-Prozess Anatomie des SS-Staates (1965), das, wie der Autor sagt, bis dahin "beste Buch über die Massenverbrechen des Nationalsozialismus". Doch zugleich kritisiert er, dass über die intensive Beschäftigung mit den Tätern die Perspektive der Opfer zu sehr vernachlässigt worden sei. Vor allem habe das Institut auf die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden nicht angemessen reagiert.

Dieser Vorwurf richtet sich in erster Linie gegen Martin Broszat, von 1972 bis zu seinem Tode 1989 Direktor des Instituts. Vor einem Jahr schon hat Nicolas Berg in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung (17. Juli2002) enthüllt, dass Broszat noch spät, am 20. April 1944, Mitglied der NSDAP geworden war, über die Tatsache aber geschwiegen habe. Daraus zieht der Autor nun den Schluss, dass der Münchner Historiker auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten nicht frei gewesen sei von einer "unausgesprochenen Entlastungssehnsucht". Das Pathos der Nüchternheit, das er für sich reklamierte, erscheine, so gesehen, fragwürdig. Mehr noch: Berg glaubt hier eine Erklärung dafür gefunden zu haben, dass Broszat in der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Publizisten Joseph Wulf ein besonders unduldsames Verhalten an den Tag gelegt habe.

Bestechend scharfe Urteile