Die Hölle. Die Hölle unter einem weißen, tiefen Himmel. Die Hölle in einem Sarg, von Kindern getragen. In Sidi Moumen, einer Vorstadt von Casablanca, hat die Hölle ein Gesicht. Es gibt keine Alten. Hier wird keiner alt. Der Sarg ist kein Sarg, er ist ein Brett, auf dem der Tote liegt, unter einer löchrigen Decke. Der Friedhof liegt am anderen Ende des Elendsviertels. Er ist so alt wie die Stadt.

Die Hölle ist schwarzer Staub, Staubwirbel, die über Dächer aus Blech fegen, über Dächer aus Pappe, die mit Zweigen, Plastikplanen und Ziegeln festgehalten werden im Kampf gegen den Wind, einen bösen Wind, der Schmutz, Mikroben und Plastikteile über das Viertel verteilt.

Wir sind in einem Slum. Das französische Wort dafür, taudis, leitet sich aus dem alten Verb se tauder ab, das so viel heißt wie: Unterschlupf, Schutz suchen. Doch in diesem Raum des Vergessens gibt es keinen Schutz. Tausende schwarzer Plastiksäcke kleben mit altem Schlamm an nie abgetragenen Müllbergen. Der Müll der Armen. Gerippe der Hunde, die an der Hitze des letzten Sommers eingegangen sind. Apfelsinenschalen, Maultierexkremente, Abfall. Esel mit eingefallenen Bäuchen auf Nahrungssuche. Streunende Katzen. Über allem liegt der Übelkeit erregende Geruch, der Geruch von Verwesung und Tod.

Die Hölle, das ist auch das große Loch, der Riesenkrater direkt neben dem Slum. Eine hundert Hektar große Grube. Genau dort sollte ein Park entstehen, um Casablanca eine grüne Lunge zu geben. Daneben, auf achtzig weiteren Hektar, wollte der Staat Sozialwohnungen bauen. Doch hat man den Staat bestohlen, betrogen. Nichts wurde gebaut. Niemand erinnert sich an das Parkvorhaben. Geschäfte hat man gemacht und Platz geschaffen für den Vorhof der Hölle. Es gibt nicht einmal fließendes Wasser, um den Hohn abzuwaschen, der über eine Bevölkerung ausgeschüttet wurde, die vor der Dürre in die Vorstädte flüchtete und dort noch immer in Erwartung besserer Tage ausharrt. Irgendwo ist ein öffentlicher Brunnen. Man erkennt ihn vom weiten an der Menschenmenge, es sind vor allem Frauen und Kinder. Hier steht keiner Schlange. Es wird gedrängelt und geschubst. Es geht um Trinkwasser. Zum Waschen geht man in die Stadt und bezahlt einen Besuch im Hammam. Das ist ein Luxus.

Die Werber des Todes leben selbst nicht in den Elendsvierteln

Seit neun Monaten gibt es Strom. Der Staat hat die Leitungen nicht in die Blechhütten, sondern an den Eingang des Elendsviertels verlegt. Dort ist ein Verteiler. Mit sehr viel Glück haben sich einige angeschlossen. Die Hölle beflügelt die Fantasie. Die Gewieftesten haben sogar einen Fernseher samt Parabolantenne mit Decoder und dem ganzen Drumherum. Mit einer zu fünf Euro erstandenen Karte kann man etwa fünfhundert Fernsehkanäle empfangen. Dieses kleine Guckloch auf den Rest der Welt ist eine grausame Erfindung. Es erlaubt einen Blick auf das Leben und sogar auf das Paradies. Das Paradies wäre gar nicht so unerreichbar, wenn man es nur bis Tanger schaffen und dann die Meerenge von Gibraltar überqueren könnte. Sicher, das ist mit Risiken verbunden, man kann ertrinken, man kann auch verhaftet und abgeschoben werden. Doch die Hölle produziert Ideen und Flügel, die auf Mist- und Müllbergen wachsen.

Wer zwanzig ist, nur Mangel kennt, in einer anderthalb Särge großen Hütte lebt, steht schon auf der anderen Seite des Lebens. Wie bewegliche Tote häufen sich die Körper, dringen ineinander, ersticken, die Seelen verlöschen, flackern noch als kurze Atemzüge auf, glimmen sehr schwach. Deshalb meidet man die Hütte.

Der Hass wacht. Er streunt um jede Bewegung, jedes Wort. Der Zorn ist unwiderruflich ausgebrochen. Er flammt in jedem Blick auf. Die Angst ist getilgt. Sie geht nicht mehr in diesen rissigen steinigen Gassen um. Selbst die Polizei lässt sich nicht mehr blicken. Wir sind im Herzen des verdammten Teils der sogenannten "Lunge Marokkos". Casablanca ist die wirtschaftliche Hauptstadt des Landes, eine Stadt, in der Wohlhabende, Steinreiche leben, direkt neben den Ärmsten. Das ist keine Koexistenz, kein Neben- oder gar Miteinander. Die Reichen ignorieren und vergessen, bis die Armen wieder einmal in die Innenstadt ziehen und alles kaputtschlagen. Bis sich dieser oder jene, mit Sprengstoff vollgestopft, in einem Restaurant oder einer Hotelhalle hochgehen lässt. Dann versteht plötzlich keiner mehr, was los ist. Man zählt die Toten und demonstriert.