Wirtschaft: Alles kapitaletti
Dirk Kurbjuweit zeigt, wie das Kosten-Nutzen-Kalkül uns erobert
Mit dem Kapitalismus ist es wie mit einem kräftigen Hefeteig. Er geht auf und wächst und wächst, und man freut sich, aber irgendwann quillt er aus dem Ofen heraus, und dann kann einen schon ein leichtes Unbehagen befallen ob der monströsen sich ausbreitenden Masse. Von diesem Gefühl ist Dirk Kurbjuweits Buch erfüllt.
Es heißt Unser effizientes Leben, und es erzählt von der dritten Phase des Kapitalismus. Im 19.Jahrhundert, schreibt der Spiegel- Redakteur Kurbjuweit, habe der freie Markt einigen Volkswirtschaften seine Regeln aufgezwungen, das war die erste Phase. Im 20. Jahrhundert habe er sich um den Globus verbreitet, das war die zweite Phase. Nun, da die Wirtschaft praktisch überall nach seinen Gesetzen organisiert sei, begnüge er sich nicht mehr mit der Welt des Geldes und der Arbeit. Der Kapitalismus expandiere weiter, „indem er alle Lebensbereiche seinen Bedingungen unterwerfen will“. Er dringe in die Kirchen und Krankenhäuser, in die Wohnzimmer und ins Parlament. Kurbjuweit hat diesen Weg verfolgt.
Er schildert Politiker, die keine Politiker mehr sind, sondern „Change Manager“ (Florian Gerster, Chef der Bundesanstalt für Arbeit). Die nicht deshalb für Sicherheit sorgen wollen, weil sich dann die Bürger besser fühlen, sondern weil sich dann die Investoren besser fühlen: „Sicherheit ist ein Standortfaktor“ (Otto Schily, Bundesinnenminister). Er erzählt von Genforschern, die nicht deshalb an der Vision vom perfekten Menschen arbeiten, weil die Menschheit das will, sondern weil sich damit Geld verdienen lässt. Er beschreibt Ärzte, die in ihren Patienten Kunden sehen, also lästige Kostenverursacher oder willkommene Gewinnbringer, je nach Krankheit. Kurbjuweit nennt diese Menschen, die das Leben als Verhältnis von Kosten und Nutzen sehen, „McKinsey-Menschen“. Eigentlich wollte er das Buch „Die McKinsey-Gesellschaft“ nennen, aber das hat ihm McKinsey juristisch verwehrt.
McKinsey ist die einflussreichste Unternehmensberatung der Welt. Eine Ansammlung meist junger Männer und Frauen, teuer und dunkel gekleidet und trainiert, auf jede Antwort mit denselben Fragen zu reagieren: Rentiert sich das? Lohnt sich das? Solche Fixierung auf Gewinn und Verlust ist es, die den Kapitalismus aufquellen lässt. Deshalb nutzt Kurbjuweit die Firma McKinsey als Metapher für die Ökonomisierung der Gesellschaft. „Auch wer nicht von McKinsey beraten wurde, denkt und handelt, als sei er von McKinsey beraten worden.“ Wie sich dieses Denken und Handeln ausbreitet, beschreibt Kurbjuweit in sehr plastischen Szenen. Das ist die Stärke des Buches.
Die Schwäche liegt darin, dass der Autor keine Antwort darauf hat, woher Rendite und weiteres Wirtschaftswachstum kommen sollen, wenn man der Ökonomisierung Einhalt gebietet. „Muss ein Krankenhaus geführt werden wie eine Stahlschmiede?“, fragt Kurbjuweit. Nein, muss es nicht, solange der Staat bereit ist, Geld zuzuschießen, doch dann ist die Frage, welchen Bürgern er es wegnehmen soll. Er sei nicht gegen die Marktwirtschaft, schreibt Kurbjuweit. „Aber die Gesetze der Marktwirtschaft grundsätzlich für sinnvoll zu halten heißt ja nicht, dass alles nach den Prinzipien des Kapitalismus funktionieren soll.“ Stimmt. Nur, wo genau soll der Markt aufhören und der Staat anfangen? An dieser Stelle wäre das Buch erst so richtig interessant geworden.
Dirk Kurbjuweit: Unser effizientes Leben Die Diktatur der Ökonomie und ihre Folgen; Rowohlt Verlag, Reinbek 2003; 187 S., 17,90 ¤Unser effizientes LebenSachbuchDie Diktatur der Ökonomie und ihre FolgenDirk KurbjuweitBuchRowohlt Verlag2003Reinbek17,90187




