Qual: welch kurzes Wort, zu beschreiben, was das wirklich bedeutet. Lausige vier Buchstaben. Das ist doch viel zu wenig. Vor allem heute, jetzt, in diesem Moment. In diesem Moment ist es heiß. Sehr heiß. Die Sonne brennt, kein Schatten weit und breit, bloß Straße vor mir. Ein dunkles Band, das sich verjüngt, um irgendwo zu verschwinden. Dort liegt die nächste Spitzkehre. Dort wird ein Schild stehen, wie in jeder dieser 21 Haarnadelkurven. Die Tafel sagt, wie viele Kurven noch zu schaffen sind, bis man oben angekommen ist. Oben, das ist der kleine Ort Alpe d’Huez, 1850 Meter über dem Meer gelegen. Aber oben, das ist weit, weit weg. Auf jeder Tafel prangt die Höhe, auf die man sich bereits hochgeschraubt hat. Jede Tafel ist einem Gewinner gewidmet, einem Gewinner jener wohl schwierigsten Bergetappe unter den extrem schwierigen Bergetappen der Tour de France. Kurve 14, zum Beispiel, gehörte Beat Breu – bei Kurve 14 ging es mir noch gut. Und auf jeder Tafel prangt zudem groß und fett das Wappentier der Region: ein Murmeltier. Je höher man steigt, desto mehr scheint das Murmeltier zu grinsen. Bei der letzten Spitzkehre, Kurve Nummer acht, da hatte ich das Gefühl, dass es mich auslacht, höhnisch, während mir der Schweiß ins Auge läuft, zuerst in das linke, dann in das rechte. Es brennt wie Säure und schnell muss ich mit dem Wasser aus der Trinkflasche die Augen ausspülen. Nicht ganz so einfach, wenn man weitertreten muss in die Pedale, halbwegs geradeaus, hoch den Berg, damit man nicht still steht und umfällt. Denn oben in Alpe d’Huez wird tüchtig gebaut, und so donnert ein Sattelschlepper nach dem anderen mit einer Baumaschine hintendrauf an mir vorbei, Staub aufwirbelnd, stinkend, hoch in den sommerlich dösenden Wintersportort, die 35000-Betten-Burg, die trutzig oben am Hang klebt wie die Tat eines Wahnsinnigen oder ein Mahnmal der Architekturverbrechen der siebziger Jahre.

13 Prozent Steigung, sagt mir mein Radcomputer. Vorsorglich – es könnte einem ja entgehen – hat es auch jemand mit weißer Farbe auf die Straße gemalt: 13 Prozent. 13 Prozent, das ist ziemlich steil. Für mich jetzt ein bisschen zu steil, und ich weiß, viel Entspannenderes wird bis oben nicht mehr kommen. Das ist das Gemeine an diesem Aufstieg, das macht ihn so hart, so böse, deshalb ist er zu einem Mythos geworden, zu einer der drei immer wiederkehrenden großen Scharfrichter der Tour nebst Mont Ventoux und Tourmalet: Er kennt kein Flachstück, keine Verschnaufpause, nur Steigung. Es ist der Ort, seinen Meister zu finden. Ganz wie der Philosoph Roland Barthes in Mythen des Alltags schreibt: "Die Tour verfügt über echt Homerische Geographie. Wie in der Odyssee ist das Rennen zugleich eine Rundreise mit Prüfungen und eine vollständige Erforschung der irdischen Grenzen."

Ich habe mich vorbereitet. Und wie ich mich vorbereitet habe. Bis vor einem halben Jahr war das Fahrrad für mich ein ideales Fortbewegungsmittel für die Stadt. Nie saß ich länger auf einem Sattel als 20 Minuten. Wieso auch? Doch seit einem halben Jahr ist alles anders. Ich hatte entschieden: ich wollte Lance Armstrong werden. Ich wollte, wie der große Held, Dominator und Gewinner der letzten vier Tours, den Berg bezwingen. Nun ja, natürlich nicht wirklich, aber ein bisschen schon. Ich wollte nicht einfach den ganze Juli vor dem Fernseher sitzen und die Tour de France glotzen, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie sich das in Wirklichkeit anfühlt, die Tour. Außerdem war ich zu dick und kam in ein Alter, in dem man nur noch dicker werden würde. Also kaufte ich mir für 15,90 Franken ein Taschenbuch mit dem Titel Das Lance Armstrong Trainings-Programm – Trainieren wie ein Profi, und weil es noch Winter und an Rennradfahren draußen nicht zu denken war für ein Weichei wie mich, schaffte ich mir auch einen Hometrainer an, ein Pulsmessgerät und absolvierte den Siebenwochenplan zum Erfolg für Anfänger aus dem Buch zu Hause vor dem Fernseher. Ich besuchte ein Krankenhaus und absolvierte ein Belastungs-EKG. Ich nahm mir eine Ernährungsberaterin, Frau Béatrice Gaudenzi aus Zürich, die mein Leben ziemlich umkrempeln sollte. Denn: Der Schlüssel zu allem ist die Ernährung. Vorbei die Zeiten der Schokoladencroissants am Morgen. Ab sofort gab es ein Glas warmes Wasser und dann Müsli mit frischen Früchten, und zwar richtiges Müsli, nicht das gezuckerte Kellogg’s-Zeugs. Rotes Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten und Weißbrot verschwanden fast vollständig aus meinem Alltag. Meine Ernährung ging in Richtung "komplexer Kohlenhydrate", "hochwertiger Proteine", "Chrom/ Zink/Selen". Und natürlich galt: Trinken! Trinken, trinken, trinken!

Natürlich wussten die alten Helden noch nichts von "komplexen Kohlenhydraten", als sie sich am 1. Juli 1903 um halb drei Uhr morgens vor der Herberge Reveille Matin sammelten, um sich auf die erste, 467 Kilometer lange Monsteretappe von Paris nach Lyon aufzumachen auf schweren Rädern mit Starrlauf und ohne Bremse. Damals rauchte man vor dem Start noch eine Zigarette, weil man dachte, das mache die Lunge frei. Zwischendurch ernährte man sich vor allem von Schokolade, und besonders beliebt war als Kraftmacher Rotwein mit gequirltem Ei. Aber damals trugen die meisten Männer auch noch Schnauzbärte. Es war eine andere Zeit. Die Tour war eine romantische Idee, dem Kinderbuch Le Tour de la France par deux Enfants nachempfunden, welches 1877 nach der Niederlage der Franzosen gegen die Deutschen erschien als Anti-Trauma-Heimatkunde-Balsam: Zwei Waisenkinder aus Lothringen, der vierzehnjährige André und der siebenjährige Julien, machen sich auf, ihre Mutter zu suchen. Das ganze Land bereisen sie, und sie sehen und sie lernen viel über die vielen Regionen der großen Nation. Um am Ende ihre wahre, wirkliche Mutter zu finden: Es ist Frankreich selbst. Und so dachte auch der Tour-Gründer Henri Desgrange Anfang des neuen Jahrhunderts: Machen wir die Tour als Beschwörung der Nation, als Rundgang, als Banntag quasi, vorbei an den Schlössern, den Strömen, den Seen, über die Ber- ge, hinein in die Wunder. Aber nicht mit zwei Kindern, sondern mit echten Kerlen, dicken Helden auf Rössern aus Stahl, den "großen Straßenpionieren". Wobei es nicht immer alle so genau nahmen mit dem vorgeschriebenem Verkehrsmittel: 1904 wurden nämlich die vier Erstplatzierten nachträglich disqualifiziert – ihnen waren die Strapazen zu viel geworden, daraufhin hatten sie den Zug genommen.

Rennraderfahrenere Freunde haben mir davon erzählt, wie es ist, wenn der Hammermann kommt. Man beginne zu frieren, egal wie heiß es sein mag, die Muskeln zuckten. Dann meine man, es schneie, es fange an zu flimmern vor den Augen, man sehe weiße Mäuse. Und dann, ja dann sei es, als lasse jemand ein großes eisernes Tor herunter. Und dann ist es vorbei.

Ich trete und trete. Hoch den Hang. Keine Fragen. Nichts denken. Nichts denken zu können, das ist eine große Gabe und für das Rennradfahren von großem Vorteil. Ich frage mich manchmal, was die Profis denken, wenn sie unterwegs sind. 35000 Kilometer sind sie pro Jahr im Sattel. Reichlich Zeit, sich manche Dinge zu überlegen. Ich ermahne mich, wieder aus dem Sattel zu gehen, den Wiegetritt einzulegen, zwei Gänge hochzuschalten und stehend zu treten, damit weder der Hintern einschläft noch – sehr unangenehm – die Testikel.

Warum fühle ich mich so schwach? Ließ ich zu viele Kräfte an den Hängen zuvor? Forcierte ich die Abfahrt zu sehr? Trank ich zu wenig? Hatte ich zu wenig gegessen? (Essen ist immer ein Problem, vor allem für die Profis. Die brauchen schnell einmal 7000 Kalorien pro Tag. Nur gibt es keinen Magen auf der ganzen Welt, der 7000 Kalorien verdauen kann. Deshalb ernähren sie sich intravenös.) Es kostet mich sehr viel Überwindung, jetzt nicht einfach abzusteigen. Dort, bei einem Busch kurz vor der nächsten großen Kehre, wo ein Baum Schatten wirft und ein Bächlein plätschert. Meine Güte, wie herrlich das Bächlein plätschert! Es gurgelt. Ich kann das Verspechen von Kühlung und Erfrischung von weitem spüren, und selten kam mir ein Versprechen so großartig vor. Soll ich dort absteigen? Soll ich dort eine kleine Pause machen? Eine klitzekleine Pause? Ein "Klick!", und schon wäre ich aus dem Pedal. Anhalten würde ich von allein. Würde mich auf das Mäuerchen setzen und eine Banane essen, eine Feige, die Trinkflaschen auffüllen mit Quellwasser.

Am Material kann es nicht liegen. Ich fahre fast dasselbe Rad wie Lance Armstrong. Ein Karbonrenner des amerikanischen Herstellers Trek, superleicht, state of the art, nicht mal acht Kilo wohl, silbrig und blau lackiert. Eine Rakete. Ich kann mir kein besseres Sportgerät vorstellen. Ich vertrete wie auch Lance die Farben des US-Postal-Teams, stecke in den gleichen Hosen, trinke aus der gleichen Flasche und reite den gleichen Sattel.

Als der Frühling kam, machte ich erste Ausfahrten. Zögerlich erst noch, mit vielen unsicheren Blicken in die Geländekarte in meiner Trikottasche. Es war ein neues, ein weites Feld für mich, und ich machte meine Erfahrungen. Ich fing an, die anderen Rennradfahrer zu grüßen, die mir begegneten. Ich stand ratlos laut fluchend mit einem Plattfuß und ohne Flickzeug an einem französischen Nationalfeiertag am Stadtrand von Altkirch und schwor mir, nie mehr ohne Ersatzschlauch auszufahren. Ich lernte von meiner Ernährungsberaterin, dass man keine Supergetränke oder Ultrakraftriegel für unterwegs braucht, sondern Wasser, viel Wasser und Bananen und Feigen. Ich lernte in den Radrennschuhen zu gehen und wie lange welche Knochen wehtun, wenn man zu Hause damit auf der Treppe ausrutscht. Ich lernte das Gefühl kennen, wenn man eine Stunde mit dem Rad aus der Stadt fährt und dann anhält, sich umdreht und dahin blickt, wo man gestartet ist, irreal weit weg, im Dunst liegend, fern und fremd.