Grenzerfahrung »Quäl dich, du Sau!«Seite 3/3

Auf dem Pass angekommen, bin ich sehr zufrieden mit mir und der Welt, die mir zu Füßen liegt. Die Engländerinnen im Clio sind auch da, und sie applaudieren. »2645 Meter«, sagt das Schild auf der Höhe, und so fühlt es sich auch an. Das Panorama ist fantastisch weit. Oben stehen andere Radfahrer, essen Bananen, blicken blinzelnd in die Sonne. Man nickt sich zufrieden zu. Wer hier oben angekommen ist, der fühlt sich leicht. Und ich weiß: Jetzt kommt das Beste. Eine Abfahrt von 50 Kilometer Länge. Denn wo es raufgeht, da geht es wieder runter. Das ist der Deal des sich Quälens, das Ge- gengeschäft für den Schweiß des Kletterns, die Droge, die Leid Vergessen macht. Die ersten Kilometer fahre ich sehr vorsichtig ab. Zu kaputt ist die Straße von den Schäden des Winters: Furchen, Schlaglöcher, Steinschlagschutt. Rollsplitt liegt in den Kurven. Und Rollsplitt ist kein Spaß. Doch dann wird die Straße besser, und man duckt sich in den Wind, der einem warm ins Gesicht schlägt, Kopf runter, Arsch in die Höhe und Tempo Teufel. Es gibt nun nichts mehr außer dem Surren des Rades, dem Rauschen des Windes, der Linie, die man fährt, und purer Geschwindigkeit. Ich jage als kleiner Fleischklumpen im Massiv hinab Richtung Baumgrenze, vorbei an schroffen Felswänden, über romantische Brücklein, die über Flüsse mit wunderbaren Namen wie Torrent de Roche Noire führen, und biege auf die etwas flachere Route National 91 ein, jage entlang des Flusses la Romanche, hinein in stockfinstere, enge, roh ins Gestein gehauene Straßenstollen wie den Tunnel des Ardoisières, in dem mir eiskalte Wassertropfen auf den Rücken fallen. In dem lampenlosen Tunnel ist es so unglaublich dunkel und kalt. Es ist, als fahre man mit 60 Stundenkilometern ins Nichts, ins Innere der Erde, einem Ende entgegen. Meine Güte, denke ich, so muss es im Geburtskanal gewesen sein. Und dann schieße ich hinaus ins gleißende Licht, in die Sonne, in den heißen Wind. Es ist wie freier Fall – bis zum nächsten Berg jedenfalls.

Die Gluthitze macht mir zu schaffen, wie eine Glocke staut sie sich unter dem Helm. Ich keuche, ich versuche zu trinken. Trinken, denkt man, sei eine simple Sache; nicht aber, wenn man mit offenem Mund wie ein an Land geworfener Karpfen nach Luft schnappt. Ich versuche nicht zu denken, an nichts. Keine W-Wörter denken! Kein: Warum? Kein: Wieso? Kein: Wie lange noch? Die Nieren stechen. Jeder Atemzug wie ein Stricknadelstich in die Nieren (habe mich wohl auf der Abfahrt vom Galibier-Pass ein wenig erkältet). Ich spüre ein Kräuseln an der Innenseite der Schädeldecke, dort, wo der pocht, 190 Schläge in der Minute, als wolle das Herz das Blut in einer Fontäne oben zum Kopf herausjagen. Die Nackenhaare stellt es mir auf, es läuft mir kalt den Rücken runter, und ich bekomme es mit der Angst zu tun, der Angst vor dem Hammermann.

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Dann sitze ich auf dem Mäuerchen im Schatten unterhalb der Eglise St.-Férreol, acht Kurven vor Alpe d’Huez, dem Ende der Tortur. Ich bin ein Häufchen Elend, 430 überforderte Muskeln, 300 Gramm zuckendes Herz. Der Bach rauscht herrlich. Ich esse eine Banane. Ganz kleine Bissen, damit ich nicht erbrechen muss. Wie schön es ist, einfach in die Natur zu schauen, ins Tal, in den strahlenden Himmel. Dann flattern zwei um ein Insekt sich balgende Rotschwänzchen aus dem Unterholz. Wie schön sie sind. Ich sitze und sehe und weiß: Ich muss wieder aufsteigen, wieder einen Rhythmus finden, hoch den Berg, nach Alpe d’Huez. Es graut mir davor, aber es gibt keine Alternative. Meine Beine fühlen sich nicht schlecht an. Es war die Hitze, die mich fertig gemacht hat. Ich fühle mich wie ein Pfund gekochte Spaghetti. Die Glut. Der Durst. Das Stechen in den Nieren. Das Ozon. Die stinkenden Autos, die mich überholen. Mon dieu, wie die Karren in Frankreich stinken können! Und dann hält ein Auto in einer Haltebucht vis-à-vis. Ein Mann steigt aus und eine Frau. Sie holen zwei Klappstühle aus dem Kofferraum und setzten sich hinein und schauen in Richtung Straße. Es ist, als hätte ich eine Halluzination. Als würden sie das Zuschauen an der Tour de France trainieren. »Allez!«, ruft der Mann mir über die Straße zu und klatscht in die Hände. Ich werfe die Bananenschale in hohem Bogen ins Tal und gehorche, sitze wieder auf. Es gibt keine Alternative. Noch ein bisschen leiden, ein bisschen Qual, dann werde ich oben sein. Okay, sage ich zu mir, mach den Kletterzombie. Nichts denken, treten, treten, treten und den Rat meiner Ernährungsberaterin nicht vergessen: »Sauf wie eine Kuh.«

Genug gesoffen gehabt zu haben schien Beat Breu 1982, der Bergfloh, der an diesem Berg in den Diensten des Cilo Aufina Teams hier mit Startnummer 151 an der Spitze lag (es war diese Etappe, deren Start von protestierenden Bauern verzögert wurde, die für ihre zu früh gereiften Früchte keine Abnehmer fanden). Bereits vier Tage zuvor konnte Breu eine Etappe für sich entscheiden. Er hüpfte den Berg hoch, Spitzkehre um Spitzkehre, hinter sich den Peugeot des Tour-Direktors, ich weiß es noch ganz genau, denn ich saß als Knirps vor dem Fernseher und jubelte. Breu in den steilen Rampen, keuchend, kämpfend, einen Buckel machend – doch von hinten kam der Franzose Robert Alban immer näher. Es sah so aus, als ob der kleine Breu sich bei seiner Flucht zu sehr verausgabt hätte und am Ende wäre, Alban über mehr Kräfte verfügen würde. Das dachte wohl auch Alban. Doch als der bis auf wenige Meter herangekommen war, da ging Breu aus dem Sattel und fuhr Alban davon, ließ ihn mit einem unwiderstehlichen Antritt einfach stehen. Eine demoralisierende Tat für den Franzosen, der sichtlich geknickt schaute, dass er überhaupt noch nach Alpe d’Huez hochkam. Und Breu sorgte für einen der größten Schweizer Sportlersiege überhaupt.

Später ist es geschafft. Ich hatte vergessen, auf die Uhr zu sehen. Keine Ahnung, wie lange ich gebraucht hatte, den Aufstieg nach Alpe d’Huez zu erklimmen. 90 Minuten? Mehr? Vergiss die Zeit, die Erfahrung genügt mir. Der Körper ist meine Uhr, die lauter nicht ticken könnte. Ich weiß: Marco Pantani brauchte 37 Minuten und 35 Sekunden für den 13 Kilometer langen Anstieg. Das ist Wahnsinn, purer Wahnsinn. Aber Marco Pantani ist wie die anderen Profis im medizinischen Sinne auch kein Mensch, sondern ein Mutant. Durch das Dorf, vorbei an sommerlich geschlossenen Boutiquen und geschäftigen Baustellen, die letzten Kehren, Kürvchen, ein Kreisel, dann der letzte Linksknick hinein in die Avenue Rif Nel, die breite Zielgerade, wo niemand auf mich wartete, keine jubelnden Zuschauer, keine Damen mit Blumenstrauß, niemand, der mir Champagner in die Hand drückte, nicht einmal eine tolle Aussicht wartete auf mich, kein Podest, kein Scheck, kein chique. Bloß im Tourismusbüro ein von Bürgermeister Eric Muller unterschriebenes »Diplôme Cycliste«, das für einen Euro angeboten wird und welches bestätigt für alle Ewigkeit, dass ich, »Monsieur Max Küng«, das Leiden besiegt und Alpe d’Huez gemeistert habe, die »13 kilomètres, 21 virages, 1100 mètres de dénivelée – l’étape du Tour de France Cycliste«. Mein Diplom trägt die Nummer 1952.

1952, das ist nicht einfach nur eine Zahl, sondern zufälligerweise auch das Jahr, in dem zum ersten Mal überhaupt die Tour de France nach Alpe d’Huez aufstieg. Zufall? Ein Jahr zuvor gewann Hugo Koblet – »der schöne Hugo«, wie man ihn nannte, »pedaleur de charme« – nach Ferdi Kübler als zweiter und bisher letzter Schweizer die Tour. Zufall? Nun, ein schöner Zufall, denke ich, als ich am Brunnen im Dorf meine Trinkflasche mit eiskaltem Wasser auffülle und ein trockenes Trikot anziehe. Und ein Versprechen für die Zukunft. Kübler, Koblet, Küng.

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