Im Frühjahr wurde der jugendliche König schwächer und schwächer. Eduard begann, Blut zu spucken, er konnte sein Bett im Palast von Greenwich kaum noch verlassen. Da schien John Dudley, dem Herzog von Northumberland, der Augenblick gekommen, den Staatsstreich zu planen.

Zwar war die Thronfolge eindeutig geregelt. Gemäß dem Willen Heinrichs VIII., so niedergelegt und vom Parlament 1544 gebilligt, folgte auf ihn sein Sohn Eduard. Verstarb dieser ohne Erben – was gerade geschah –, musste der Thron an Maria fallen, Eduards Halbschwester. Doch genau dies galt es, in den Augen Dudleys, um jeden Preis zu verhindern.

Maria selber, 1516 geboren, Tochter aus der ersten Ehe Heinrichs mit Katharina von Aragon, hielt sich für die "unglücklichste Frau in der ganzen Christenheit". Trotz Dutzender von Bewerbern um ihre Hand hatte man ihr aus dynastischen Gründen nie die Ehe gestattet. Sie, die Kinder über alles liebte, lebte wie eine Nonne, abgeschieden in der Provinz. Trost fand sie in der Religion. Doch nicht in der neuen protestantischen, die sie verabscheute, sondern in der alten katholischen. Bis vor kurzem noch war es ihr erlaubt gewesen, im Kreis ihrer Hausgemeinschaft die Messe zu hören. John Dudley aber, als Lordprotektor dem Kronrat vorstehend und einer der mächtigsten Männer Englands, hatte ihre Kapläne verhaften lassen und auch sie selber mit Strafe bedroht.

Dudley, der fanatische Protestant, war fest entschlossen, Maria nie Königin werden zu lassen. Und er hatte auch schon eine andere Kandidatin im Sinn: die 16-jährige Lady Jane Grey. Sie war schön, dem Königshaus nahe verwandt – und mit einem der Söhne Dudleys vermählt. Dudleys Plan schien aufzugehen. Am 12. Juni 1553 änderte der sterbende Königsjüngling plötzlich die Thronfolge. Maria wurde ausgeschlossen, zur Nachfolgerin wurde jetzt Lady Jane bestimmt. Am 6. Juli starb der 15-jährige Eduard VI., drei Tage später proklamierte der Kronrat Jane zur Königin. Der Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, gab seinen Segen, der Bischof von London, Nicholas Ridley, nannte in öffentlicher Predigt Maria einen Bastard und eine Papistin, der Reformator John Knox beschimpfte sie als Feindin des Evangeliums und Verräterin. Dudley setzte auf ihren Kopf einen Preis aus. 300 Reiter brachen auf, um sie – lebendig oder tot – zu fangen. Sechs Kriegsschiffe blockierten den Hafen von Yarmouth, um sie an der Flucht nach Holland zu hindern. Nach menschlichem Ermessen gab es für sie kein Entrinnen.

Doch was nun geschieht, haben Maria und ihre Zeitgenossen als ein Wunder, als Gottes ureigenste Fügung begriffen. Denn Maria entkommt in einem rasenden 90-Meilen-Ritt ihren Verfolgern und richtet unerschrocken einen Brief an den Kronrat, in dem sie ihr Recht fordert. "Unzählbare Scharen von gemeinem Volk" stoßen zu ihr, dazu viele, auch protestantische Adlige. Das Heer aber, das der aufgeschreckte Herzog von Northumberland gegen sie führt, löst sich auf dem Marsch in Nichts auf.

Dudley wird verhaftet und fleht "um der Liebe Gottes willen, ihn zu schonen". Vergeblich, wenige Wochen später wird er wegen Hochverrats enthauptet. Die Kommandanten der Flotte erklären sich ohne Ausnahme für Maria. Am 19.Juli geht der Kronrat zu ihr über, und London feiert überschwänglich die einzige rechtmäßige Königin. Freudenfeuer lodern, überall wird getanzt, die Glocken läuten die ganze Nacht.

Sie hat nur ein Ziel: England muss wieder katholisch werden

Marias erste Amtshandlung ist Programm. Sie ordnet an, dass in den Kirchen die Kruzifixe wieder angebracht werden. Durch Gottes Gnade ist sie Königin geworden, und sie, das Werkzeug Gottes, hat einen Auftrag: Sie muss seine Kirche wiederherstellen.

Die Magie, die jedem Anfang innewohnt, dass es nun besser, schöner und gerechter zugehe, trägt Maria in den ersten Monaten ihrer Herrschaft. Heinrich VIII. hat seinen Kindern einen Staat hinterlassen, in dem sich die innen- und außenpolitischen Probleme zu einem wüsten Knäuel verschlingen. Die Staatskasse ist leer, England hoch verschuldet. Eine Depression lähmt Handel und Gewerbe. Im Norden zeigt sich Schottland feindlich, das halb unterworfene Irland steht am Rande der Rebellion, und von den englischen Besitzungen in Frankreich ist nur noch Calais und sein Umland bei der Krone verblieben. Allerorten beklagt man den Niedergang der Moral; Scharen von Bettlern, landlose Bauern, arbeitslose Handwerker ziehen durchs Land.

Maria I. weiß, warum alles so kommen musste: weil England vom wahren Glauben abgefallen ist. Im Umkehrschluss kann die Rückkehr zum Katholizismus nur Glück und Frieden bringen.

Es war ihr Vater gewesen, Heinrich VIII., der die englische Kirche aus der Einheit der Christenheit herausgebrochen und sich selbst anstelle des Papstes zu ihrem Oberhaupt gemacht hatte. Nicht aus religiöser Überzeugung, nicht aus Staatsräson, sondern weil der Papst sich geweigert hatte, Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragon für ungültig zu erklären. Thomas Cranmer, derselbe, der ihre Krönung verhindern wollte, hatte sich damals als willfähriges Werkzeug des Königs bewährt und die rechtsgültige Ehe schließlich geschieden, wofür er mit dem Erzbistum Canterbury belohnt worden war. Mit dem König zusammen hatte er die Klöster aufgelöst, das Kirchengut verschleudert und Hinrichtungen sanktioniert, die je nach politischer Opportunität lutherische "Ketzer" oder katholische "Papisten" getroffen hatten.

Das Parlament liegt auf den Knien und bereut seine Sünden

In den sechs Jahren Regierungsjahren des Kinderkönigs Eduard VI. konnten sich die Protestanten unter Dudley dann endgültig durchsetzen. Per Parlamentsbeschluss wurden das Priesterzölibat und die Ketzergesetze abgeschafft, in den Kirchen die Heiligenbilder herabgerissen und die Kruzifixe und Reliquien entfernt. Die steinernen Altäre ersetzte man durch einfache Holztische. An die Stelle der lateinischen Messe trat ein Gottesdienst in englischer Sprache. Die Geistlichen trugen keine Messgewänder mehr und teilten das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus. Letzteres wurde wie in der reformierten Kirche als reines Gedächtnismahl aufgefasst, die Gegenwart Christi in Brot und Wein (Transsubstantiation) bestritten. Schon unter Heinrichwaren Wallfahrten als Aberglaube verboten worden, in Eduards Zeit verschwanden auch die Gebete für die Toten, die Seelenmessen, die geweihten Palmzweige und Kerzen, das Aschenkreuz, das Weihwasser und das heilige Brot, die Prozessionen und der ehrfürchtige Kniefall vor dem Kreuz. Wer sich bei der Ausübung des alten katholischen Rituals ertappen ließ, wanderte sechs, im Wiederholungsfall zwölf Monate, beim dritten Mal lebenslang ins Gefängnis.

Doch die neue Lehre, dass nur die Gnade Gottes, nicht aber die guten Werke zählten, dass es kein Fegefeuer gäbe und die Anrufung der Heiligen sinnlos wäre, dass es nicht sieben Sakramente bedürfte, um das Heil zu erlangen, sondern Taufe und Kommunion völlig ausreichten, wurde in weiten Teilen Englands als ein direkter Angriff auf die alte, seit Jahrhunderten praktizierte Volksfrömmigkeit empfunden. Wer es gelernt hatte, die Gegenwart Christi in der Hostie zu verehren, empfand es als Sakrileg, das übrig gebliebene geweihte Brot an die Hühner verfüttert zu sehen.

Aufstände in den Midlands, in Yorkshire, Devon und Cornwall, die so genannte Western Rebellion verlangten die Rückkehr zur alten Religion. Wer die Monstranz nicht verehre, solle als Ketzer verbrannt werden. Die Protestanten reagierten militant: Priester, die statt des vorgeschriebenen Gottesdienstes die Messe lasen, wurden an den Glockentürmen ihrer Kirchen aufgehängt, da man sich durch Duldung dieses nach Martin Luther "schlimmsten Götzendienstes" um sein Seelenheil gebracht fühlte.

Zeit ihres Lebens hat Maria sich zum katholischen Glauben bekannt. Jedweder Zweifel in dieser Hinsicht ist ihr fremd. Sie rühmt sich, nie ein ketzerisches Buch in die Hand genommen, geschweige denn gelesen zu haben. Zutiefst zeigt sie sich davon überzeugt, dass der Protestantismus in England nur eine Verirrung einiger weniger Schwarmgeister sei, dass die breite Masse des Volkes und der Großteil des Adels die Rückkehr zum wahren Glauben begehre.

Damit hat sie, von Londons Bürgern einmal abgesehen, Recht. Die Aufhebung der Religionsgesetze Eduards, die Rückkehr zur Messe und zum alten Ritus verlaufen genauso problemlos wie die erneute Unterwerfung der englischen Kirche unter die Herrschaft des Papstes. Reginald Pole, der Kardinal von England, der unter Heinrich VIII. aus Protest ins Exil gegangen ist, kehrt zurück und erteilt dem auf den Knien liegenden Parlament, das reuig seine Sünden bekennt, die Absolution. Nur die Königin kniet nicht. Sie als Einzige ist in all den Jahren fest im Glauben geblieben.

Die Rekatholisierung Englands vollzieht sich überraschend schnell. Neuere Auswertungen der Kirchenbücher ergaben, dass knapp 18 Monate nach Marias Regierungsantritt fast alle Gemeinden wieder über die für den Kult nötigen Geräte, Gewänder, Bilder, Kruzifixe und Altäre verfügten. Pole ist klug genug, protestantische Elemente, die sich bewährt haben, in die katholische Liturgie einzubauen. So werden Vaterunser, Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote weiterhin auf Englisch gesprochen, und eine katholische Bibelübersetzung wird in Auftrag gegeben. Die Wiedereinführung der altgewohnten Zeremonien ist die überzeugendste Waffe im Kampf der Konfessionen. Ein letztes Mal siegt in der englischen Kirche das Bild über das Wort.

Maria ist die erste allein regierende Königin Englands. Der Kronrat und das Parlament allerdings wollen, dass sie heiratet, aber schließlich ist das auch ihr eigener brennendster Wunsch. Denn zum einen traut man einer Frau die Staatsführung einfach nicht zu, zum anderen muss der Bestand der Dynastie durch einen Erben gesichert werden, und Maria ist nicht mehr die Jüngste.

In den harten Tagen ihres Lebens, als sie zeitweise von der Thronfolge ausgeschlossen war und wegen ihres Glaubens angegriffen wurde, hatte sich einer immer für sie eingesetzt: Kaiser Karl V., der Neffe ihrer Mutter und also ihr Cousin. Im Alter von neun Jahren ist sie sogar kurze Zeit mit ihm verlobt gewesen, jetzt bietet er ihr die Hand seines Sohnes Philipp und fädelt damit, in den Worten des Philipp-Biografen Ludwig Pfandl, "die größte politische Aktion des Jahrhunderts" ein.

Karl V. aus dem Hause Habsburg, der mächtigste Mann der Christenheit, dessen Reich tatsächlich so groß ist, dass darin "die Sonne nie untergeht", das Spanien, Burgund, Sizilien und Neapel, Süddeutschland, Österreich, Flandern und die Niederlande, dazu die Inseln der Karibik, Mexiko, Peru und die Philippinen umfasst, hat nur noch zwei Feinde: das Königreich Frankreich und die Protestanten. Sind beide besiegt, ist für den Kaiser seine eigentliche Aufgabe, die Einheit des Glaubens und der Herrschaft herzustellen, erfüllt.

Dazu braucht er England und dessen Flotte. Zusammen mit den Spaniern und Holländern würden sie vom Atlantik her Frankreichs Einkreisung vollenden. In konfessioneller Hinsicht begründete ein katholisches England die Vormachtstellung der römischen Kirche im Westen. Das lutherische Deutschland samt der reformierten Schweiz wäre endgültig isoliert.

Maria kennt keine Gnade mehr: 300 Ketzer werden verbrannt

In diesem Sinne schreibt er an seinen Sohn und Nachfolger Philipp, der immerhin elf Jahre jünger ist als die ihm zugedachte Braut. Und Philipp reagiert, wie es sein Vater nicht anders erwartet hat, mit dem routinierten Pflichtgefühl des Mannes, der zutiefst davon überzeugt ist, "dass das Reich Gottes auf Erden in der Weltherrschaft Habsburgs besteht": "Ihr in allem gehorsamer Sohn hat keinen anderen Willen als den Ihrigen, zumal in einer so wichtigen Angelegenheit."

Für Maria ist es Wunder Nummer zwei. Mit einem Schlag wäre sie von allen ihren innen- und außenpolitischen Sorgen befreit. Der strenggläubige Philipp wird sie in ihrem Kampf um den wahren Glauben unterstützen, die von außen drohenden Gefahren sind mit diesem Verbündeten gebannt, und schließlich wird die Geburt eines Erben ihre Stellung endgültig festigen. Dass es so kommt, daran zweifelt Maria nicht einen Augenblick. Es ist Teil des himmlischen Plans, der, wie sie zutiefst glaubt, ihr Tun und ihr Schicksal lenkt.

Sie zeigt sich entschlossener, standfester denn je. Obwohl Volk, Adel und Klerus in seltener Einmütigkeit die "spanische Heirat" ablehnen, da man die Einführung der Inquisition und die Verwicklung in die europäischen Kriege der Habsburger fürchtet, lässt sich Maria nicht von ihrem Plan abbringen. Einem gefährlichen Aufstand, der erst vor den Toren Londons zusammenbricht, trotzt sie, immer im Bewusstsein ihrer göttlichen Sendung, mit kühler Ruhe. Mehr beunruhigt sie, dass der junge Bräutigam Monate braucht, um endlich zu seiner "teuren und geliebten Tante", wie er seinem Freund Ruy Gómez schreibt, aufzubrechen. Endlich, am 13. Juli 1554, segelt eine Flotte von 125 Schiffen von La Coruña aus los, die Philipp sowie sein nach Hunderten zählendes hochadliges Gefolge, insgesamt etwa 4000 Personen, nach England zur Hochzeit bringt.

Ein Spanier aus Philipps Umgebung schildert Maria als "keinesfalls schön, vielmehr klein und mager, von weißer Gesichtshaut, rotblond und ohne Augenbrauen". Der schon erwähnte Gómez notiert: "Ich muss offen gestehen, es wird viel göttlicher Beistand nötig sein, um diesen bitteren Kelch zu leeren."

Das königliche Paar indes scheint auf seine Weise Gefallen aneinander zu finden. An ihren Schwiegervater Karl V. schreibt Maria, dass sie "die Ehe glücklicher macht, als ich sagen kann, da ich an meinem Gatten täglich so viele Vorzüge entdecke". Philipp wiederum lässt Gómez wissen, dass die Königin im Schlafzimmer nie über Politik, aber immer über die Liebe spreche. Man wird es so interpretieren dürfen, dass beide Seiten zu ihrem Recht kommen.

Mit Philipp fließt ein Strom Goldes nach England, 97 wohl gefüllte Kisten, die, in Pensionen und Dotationen verwandelt, die Mitglieder des Kronrats in seinem Sinne beeinflussen. Mehr noch aber überzeugt die Ende November verbreitete Nachricht, die Königin sei schwanger. Im ganzen Land werden Dankmessen gelesen.

Maria übersiedelt in die ländliche Abgeschiedenheit von Hampton Court, einige Kilometer westlich der Hauptstadt, um sich in Ruhe auf ihre Niederkunft vorzubereiten. Eine Nacht lang feiert ganz London die Geburt eines Knaben. Eine Falschmeldung. Denn was immer den Leib der 39-Jährigen anschwellen ließ – Krankheit oder eine Scheinschwangerschaft –, es ist kein Kind.

Im Juli 1555 reist Philipp ab, um aus den Händen seines amtsmüden Vaters die Kronen Spaniens, Burgunds und der Niederlande zu empfangen. Seine Enttäuschung über die englische Heirat ist eine doppelte. Denn beharrlich weigert sich der Kronrat, ihn zum König von England zu erheben. Philipp bleibt nur der Status des Prinzgemahls. Auch Maria plagen schwere Zweifel. Warum hat Gott ihr den Erben verweigert? Hat sie nicht genug für den Glauben getan?

Die Ketzergesetze werden wieder eingeführt. Wer sich nicht zum Katholizismus bekehren lässt, endet auf dem Scheiterhaufen. Im Februar 1555 sind es die Bischöfe Ridley, Latimer und Hooper, im nächsten Jahr ist es der alte Gegner Marias, Thomas Cranmer, der ehemalige Erzbischof, der als protestantischer Märtyrer stirbt. Andersgläubige hinzurichten, falls sie nicht widerrufen, ist – unter katholischer wie protestantischer Herrschaft – die übliche Praxis jener Tage. Aber die 300 "Ketzer", die in den drei letzten Regierungsjahren Marias verbrannt werden, bilden einen traurigen Rekord im Europa der Zeit.

Längst ist aus Maria, der Lichtgestalt, Bloody Mary geworden, die blutige Maria. Karikaturen zeigen ihr Bild mit der Inschrift "Maria Ruina Angliae" (Maria, das Verderben Englands). Nicht nur ist der dynastierettende Erbe ausgeblieben, auch außenpolitisch bleibt die Ehe mit Philipp erfolglos. Als sie an seiner Seite, wie viele ihrer Untertanen es befürchtet haben, in den Krieg gegen Frankreich eintritt, verliert England Calais, den letzten Festlandsbesitz. Selbst die Natur scheint sich gegen sie zu verschwören und sucht das Land mit Unwettern und Überschwemmungen heim.

Kaum wahrgenommen allerdings werden ihre mustergültige Reform der Finanzverwaltung, die großzügige Förderung der Universitäten Oxford und Cambridge, ihre Bemühungen um die Flotte und die Protektion der ersten Handelskompanien, die bis ins Weiße Meer vorstoßen. All das kommt ihrer Nachfolgerin, ihrer Halbschwester Elisabeth I., zugute, die ihre 45-jährige, Englands Weltmachtstellung begründende Herrschaft auf diesen Fundamenten aufbauen wird.

Letztlich diskreditiert Marias Erfolglosigkeit auch ihren Glauben. Ist Gott wirklich mit der Königin, oder straft er sie? Wie ein Menetekel erscheint es den Zeitgenossen, dass am gleichen Tag, an dem Maria I. die Augen für immer schließt, am 17. November 1558, auch der Kardinal von England, Reginald Pole, dahingeht. Die Königin stirbt sanft, versehen mit den Sakramenten ihrer Kirche, im Palast von St. James’s. In ihren Träumen, erzählte sie den Hofdamen, "spielten viele kleine Kinder wie Engel um sie".

Ihr Abschiedswunsch, dass England fest im katholischen Bekenntnis verharren möge, blieb unerfüllt. Marias Begräbnis in der Westminster Abbey war die letzte Staatszeremonie der römischen Kirche im englischen Reich. Elisabeth kehrte umgehend zum Protestantismus zurück.

Der Autor ist Historiker und Publizist und lebt in Frankfurt am Main