Am Start in der Kompakt-van-Klasse: Tobias Gohlis, ZEit-Autor, im Fiat Multipla 1.9 JTD ELX Multiple Persönlichkeit
Dieses Gefährt ist vieles Familien-, Kompakt- und Designerauto. Doch in seinem Innern kommen sich diese Ansprüche in die Quere
Wie ein Froschkönig hockt er in der Garage. Drei Kolleginnen sind mit in den Keller gekommen, um das Wunder zu sehen. „Sieht der nicht eher wie Flipper aus?« – »Drei Sitze vorn – wer nutzt die denn?« Ich klettere erst mal rein und manövriere das Gerät ans Tageslicht.
Seine Designer haben ihm viele Gesichter gegeben. Der Wulst unter der Frontscheibe macht ihn delfinähnlich. Mit dem breiten Maul darunter sieht er wiederum wie ein Frosch aus. Sein Grinsen ähnelt dem Smart. Doch was bei der kleinen rollenden Sofakugel frech und unverfroren wirkt, ist beim Multipla verbissen, um nicht zu sagen: unterbissig. Im Wulst stecken die Fernscheinwerfer wie Warzen. Bin ich schön? titelte auto motor sport , als der Multipla herauskam. Kaum jemand beantwortete der die Frage mit »Ja«.
Bei »Multipla« denkt man hierzulande ja eher an eine Krankheit als an ein Auto; die Italiener, die von Geburt Lateiner sind, übersetzen hingegen »Fiat multipla« mit »Es werde vieles«. So unbestimmt ziellos müssen die Ingenieure gedacht haben, als sie den Multipla entwarfen. Vielleicht sollte man ihn überhaupt »das Multipla« nennen, denn was von vorn wie ein Froschkönig (männlich) aussieht, ist von hinten ein Kasten, ein Ding (sachlich). Multipla: eine Familienkutsche, die als Minivan und Kompaktwagen, als Transporter und Designermodell durchgehen will. Doch wer braucht so was?
Wer noch nie einen Kleinlaster gefahren hat, muss sich erst an die Straßenbreite gewöhnen. Mit 1871 Millimetern (ohne Außenspiegel) ist das Multipla knapp 12 Zentimeter breiter als ein Golf und 5,5 Zentimeter breiter als ein Mercedes der EKlasse. Die Breite ist trotzdem eher gefühlt. Das liegt an der Kleinlastersitzhöhe, von der aus man durch die riesige Frontscheibe einen Panoramablick hat.
Den braucht man auch, allein um nach anderen Multiplas Ausschau zu halten. Mir fuhr ein Schreck durch die Glieder, als mir auf der Autobahn in Richtung Ruhrgebiet ein anderes Multipla von der Gegenfahrbahn zublinkte. Ich fühlte mich ertappt. Der andere war glücklich, nicht der Einzige seiner Art auf der Strecke zu sein.
Multipla-Fahrer sind eine kleine radikale Min-derheit. Schmal müssen sie sein. Die sechs Sitze sind auf italienische Konfektionsgrößen zugeschnitten, die bekanntlich eine Stufe kleiner ausfallen als die deutschen. Von wegen »bequeme Dreierbank«. Einem deutschen XXL-Typ (Querformat) wie mir ist schon der Fahrersitz zu schmal.
Zur Erkundung der Sitzfunktionen lud ich mir während der Criminale im Westerwald fünf Krimischriftsteller ein. Krimiautoren sind als Multipla-Testpersonen gut geeignet, weil sie meist dünner als andere Menschen sind. Sie sind ständig auf Lesereise, essen und verdienen wenig. Andererseits sind sie anspruchsvoll und verfügen über Lebenserfahrung. Staatsanwältin W., die erste Testperson, konnte auf dem Mittelsitz ihre Unterlagen gut sortieren. Auch zwei schlanke Damen konnten in der ersten Reihe neben mir ihre Oberkörper gut unterbringen, aber die mittlere musste die Beine doch krampfhaft zusammenhalten. Im Fond hockten die drei beleibteren männlichen Kollegen. »Etwas tief« und »Recht eng«, kamen deren Kommentare dumpf aus zusammengedrücktem Embonpoint. Die drei Herren hatten vor der Testfahrt gut gegessen. Bei einem Festival ist Eile geboten, wir mussten schleunigst vom Abendessen unten in der Stadt oben auf die Westerburg. Angeblich soll es kinderleicht sein, die Rücksitze zwölf Zentimeter nach hinten in Komfortposition zu versetzen. Auch wenn wir dies gemacht hätten, hätte ich die fünf Krimischriftsteller nicht sehr viel weiter transportieren können. Ihr kleines Festival-Gepäck, bestehend aus je einem Satz feierlicher und legerer Kleidung sowie Mantel, Unterwäsche und Schuhen für fünf wechselhafte Tage in reiseüblicher Verpackung hätte in den Kofferraum nicht hineingepasst. Der war mit meinem Rollenkoffer, einem Paar Bergstiefeln, einem Wanderstock, einer Laptop-Tasche und den mit Klettverschluss am Boden fixierten Erste-Hilfe-Set von Fiat bereits zu einem Drittel gefüllt. So oder so waren die Herren froh, aus ihrer Hockstellung freizukommen. Immerhin: Niemandem war schlecht.
Weitere Testfahrten ließen auch nicht recht erkennen, wozu der Mittelsitz vorn gut ist. Man kann zum Beispiel seine Rücklehne flach nach vorn kippen, um sie als Ablage zu nutzen. Doch flog mein Autoatlas bei der ersten Bremsung in den Fußraum, weil die Aussparungen der Ablage nicht tief genug sind (und auch nicht sein dürfen sonst bilden sie eine tiefe Kante und gefährden in aufrechter Position bei einem Aufprall die Mitfahrer auf dem Rücksitz). Also klappte ich die Rücklehne wieder zurück und hatte, wie mit dem Beifahrersitz jedes beliebigen anderen Autos, eine rutschfeste Schräge samt Seitenwulst, auf der ich auch eine Flasche Mineralwasser unterbringen konnte, ohne dass die durch den Innenraum schoss. Als meine Liebste mitfuhr, fühlte sie sich auf dem Mittelsitz, der ein wenig nach hinten gerückt ist, eingeklemmt. Zudem konnte sie die ständige optische Konfrontation mit dem halbkugelförmig aus der vorderen Ablage ragenden Lüftungselement schlecht ertragen. Auf den Außensitz geflüchtet, fühlte sie sich isoliert, meilenweit vom Fahrer entfernt. Das Multipla ist was für Prüde oder Schüchterne, die auf lange Strecken ohne Körperkontakt auskommen. So scheint mir nach längeren Überlegungen und Gruppierungsversuchen in verschiedenen Konstellationen nur eine recht kleine Zielgruppe mit dem Multipla etwas anfangen zu können. Optimal wird es von zwei Erwachsenen genutzt, die bis zu vier Kindern transportieren müssen, aber nur bei kleinem Gepäck. Für größere Transporte braucht man einen Van oder Kleinbus, zum Angeben sollte man doch lieber etwas wirklich Reißerisches fahren.
- Datum 17.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie Autotest
- Quelle (c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30
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