Wenn Hartmut Häußermann aus dem Fenster seiner Wohnung schaut, kann er sein Forschungsobjekt sehen. Häußermann ist Stadtsoziologe, einer der bekanntesten in Deutschland. Und wo sollte einer, der die Umbrüche in Metropolen erkundet, besser wohnen als in Berlin, Prenzlauer Berg, direkt am Kollwitz-Platz, wo die Stadt sich im Zeitraffertempo verändert: vom Alternativkiez zum Edelquartier zum Touristenmagnet. Wenn Häußermann mit dem Fahrrad vom Prenzelberg nach Mitte in sein Institut an die Humboldt-Universität (HU) fährt, dann weiß er, dass es richtig war, von Bremen nach Berlin zurückzukehren.

Dabei war er froh, als er nach Studium und Promotion an der Freien Universität (FU) Berlin die Stadt Mitte der siebziger Jahre verlassen konnte. Hoch politisiert und tief zerstritten war die FU damals, das intellektuelle Klima in Berlin stickig. "Die Stadt war groß genug, sich selbst zu genügen", erinnert sich der Soziologe. Im Westen der Republik wehte ein freierer Geist. Doch mittlerweile hat sich der Wind gedreht. Fragt man Häußermann, wie sich seine Forschung verändert hat, sagt er: "Sie ist weniger borniert als früher."

Mehr als zehn Jahre nach der Wende – das zeigt das Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Z EIT Nr. 28/03) – hat sich Berlin als Zentrum der Geistes- und Sozialwissenschaften in Deutschland etabliert. In keine Region fließen in diesen Disziplinen so üppige Drittmittel, streben so viele internationale Gastforscher und ausländische Studenten, nirgends ist das Angebot so reichhaltig. Das heißt nicht, dass in jeder Einrichtung auf höchstem Niveau geforscht wird. Gerade die Hochschulen schneiden in vielen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften schlechter ab als Universitäten in Konstanz, Tübingen oder München. Noch findet sich an der Berliner FU und HU manch "totes Holz", wie in den USA Professoren genannt werden, die kaum ernsthaft forschen.

Berlin schlägt seine Konkurrenten durch Vielfalt. 83 Millionen Euro Forschungsfördergelder der DFG hat die Region zwischen 1999 und 2001 in diesem Wissenschaftsbereich eingeworben – weit mehr als ganz Bayern. Berlin, im 19. Jahrhundert Weltkapitale akademischer Gelehrsamkeit, kann sich zumindest in einigen humanwissenschaftlichen Disziplinen wieder mit den Metropolen der großen Forschernationen messen. Schon verkündet Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ironisch-gewiss: "Die Sozial- und Geisteswissenschaften werden Berlin in ein Paradies verwandeln."

Zurzeit jedoch sieht es mal wieder so aus, als ob die Regenten der Stadt alles daransetzten, die Forscher aus ihrem Paradies zu vertreiben. Die Stadt ist pleite, viele Millionen Euro haben die Universitäten bereits eingespart, weitere müssen folgen. Und Finanzsenator Thilo Sarrazin weiß auch, wo Einschnitte nötig sind: bei jenen Fächern, die "weniger relevant sind für den Wirtschaftsstandort und nicht zu den produktivsten gehören" – sprich: bei den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Nun weiß man, dass Berliner Lokalpolitiker tendenziell eher zu den bildungsfernen Schichten gehören. Ihnen gilt die Wissenschaft als ein Haushaltsposten unter vielen. Wenn der Bürgermeister auf PR-Tour unterwegs ist, preist er alles Mögliche an seiner Kommune. Nur die Wissenschaften kommen selten vor, die Geistes- und Sozialwissenschaften nie. Dass ein Mitglied des Senats aber so freiheraus die Überflüssigkeit ihrer Disziplin verkündet, das trifft die Forscher hart.

Dabei gibt es selbst im internationalen Vergleich nur wenige Metropolen, die es mit der Fülle der Berliner Hochschulen, außeruniversitären Einrichtungen, Akademien, mit dem Reichtum seiner Museen und Bibliotheken aufnehmen können. "Jeden Tag möchte man an drei oder vier Orten gleichzeitig sein", sagt die Leiterin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Lorraine Daston. Eine Tagung an der Humboldt-Universität, eine andere an der FU; Vorträge an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB); internationale Gäste im Wissenschaftskolleg und bei der American Academy. Oder soll man raus nach Potsdam, wo sich am Neuen Markt neben dem Einsteinforum und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung noch drei andere Institutionen versammeln, die sich der Kultur- und Geschichtsforschung verschrieben haben?

Vier der sechs geisteswissenschaftlichen Zentren Ostdeutschlands – Nachfolger der DDR-Forschung – befinden sich im Großraum Berlin. Keine andere deutsche Stadt zählt zwei Max-Planck-Institute in diesem Feld, darunter jenes für Bildungsforschung, in dem die Pisa-Debatte ihren Anfang nahm. In Berlin müsse man sich "schützen" vor den akademischen Verlockungen, sagt der Historiker Jürgen Kocka, derzeitiger Leiter des WZB. Man müsse Acht geben, dass die Stadt einem nicht die Ruhe für die eigenen Forschungen nimmt.