italien Est! Est! Est! * Hier ist es!

Der Lago di Bolsena in der Tuscia ist ein Stück Italien für Genießer. Landschaften wie Veduten, an jeder Ecke Kultur, fangfrischer Fisch und süffiger Wein – nichts also für blonde, bierrülpsende Strandurlauber

Vergesst Tuszien! Wer will das schon? Morgens um fünf aufstehen, um mit Paolo hinauszutuckern auf den See. Wenn selbst die Möwen noch nicht ganz aufgewacht sind. Wenn der Dunst noch in kleinen Säulen über dem Wasser tanzt. Wenn Paolo, seinen Schatz hebt, aus 30, 35 Meter Tiefe. Und einen zappelnden, silbrig schillernden nach dem anderen aus den Maschen fingert, der ein paar Stunden später leicht paniert, mit Salz bestreut, mit Zitrone beträufelt als Filet auf der großen Platte liegt und wunderbar schmecken wird. Paolo, der stolze Fischer vom Lago di Bolsena, macht das alles nicht nur fürs Geld. Sondern er übt seinen Beruf mit Liebe und Leidenschaft aus. Und deshalb erklärt er auch gern mal einem deutschen Urlauber, dass die Netze auf zwei Kilometer Länge ohne Anker in der Strömung treiben, dass Hechte, Schleie, Barsche um zwölf Uhr nichts mehr wert sind, weil sie ganz frisch verkauft werden müssen. Wer ein paar Brocken Italienisch beherrscht, erfährt von Paolo: »Gute Fischer denken irgendwann wie die Fische und wissen, wo die sich verstecken.«

Vergesst Tuscia! Wer mag schon Urlaub in Italien, dort, wo es nicht Adria ist. Sondern Latium, Provinz Viterbo, gute 100 Kilometer nördlich von Rom. Wo auf der Speisekarte häufiger c oregone steht und nicht Blaufelche, wie der köstliche Fisch auf Deutsch heißt. Man spricht deutsh gilt hier nicht, dafür aber »Man wohnt auf dem Land«, in campagna. Das Land um den Bolsenasee ist grün von den Olivengärten, den Eichenwäldern, den Sträuchern, den Pappeln, dem Schilf, den Wein- und Kiwihainen und gelb von den Ackerflächen, den im Hochsommer ausgedörrten Wiesen. Agriturismo heißt das Zauberwort, das den Bewohnern ländlicher Regionen staatliche Zuschüsse verspricht, wenn sie Betten für Urlauber bauen. Mauro, der Honigbauer, Mario, der Olivenbauer, sie haben auf ihrem Grund ein paar Wohnungen hergerichtet, mit ein bisschen Hilfe von ihrem deutschen Freund, der eine Reiseagentur betreibt und ihnen Tipps gibt, wie der deutsche Tourist tickt: Sein Herz schlägt vor Freude höher über eine Geschirrspül-, über eine Wasch-, über eine Kaffeemaschine; er mag die Enge nicht, in der sich eine italienische Familie in den Ferien zusammenquetscht, sondern Großzügigkeit. Und der Pool liegt besser im Garten und nicht direkt an der Straße.

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Derselbe Freund hat ein paar Leuten geraten, nicht alles an Kunst und Krempel wegzuwerfen, wenn sie ihre Häuser sanieren. Will das jemand wirklich? Auf der großen Terrasse eines 300 Jahre alten stilvollen Herrenhauses liegen, rechts auf dem Hügel Grotte di Castro, eine Vedute, geradeaus im Blick der See, ein Landschaftgemälde aus dem 18. Jahrhundert, unzerstört. Die 100 Quadratmeterwohnung nur verhalten ausgestattet mit schönen, alten dunklen Möbeln, die noch von der Aussteuer der nonna, der Großmutter stammen, mit offenem Kamin, mit Terrakottaboden. Gut, der Fernseher stört, der gerade angelegte Pool hinterm Haus passt nicht ins Bild. Aber der Feldweg, der ins bukolische Idyll führt, ist für einen tiefer gelegten Kleinwagen genauso beschwerlich wie für eine Kalesche.

Wer hat schon Sehnsucht nach einem Landhaus mit einem großen Garten voll Zucchini, Tomaten, Oliven, Basilikum und Weintrauben. Wo für den CD-Player die gesammelten Werke von Beethoven bis Bruckner bereit liegen und die Besitzer mit jedem matt gewordenen, alten Spiegel, mit jedem Vorhang, jedem Kissen zeigen, wie sehr sie ihr rustico lieben?

Vergesst dieses legendenreiche Herzstück italienischer Geschichte! Wer sucht schon nach einer Ecke, wo sich jemand so ruhmreich totgesoffen hat, dass es sogar auf seinem Grabstein steht? Der Mann war Augsburger Prälat und hieß Johannes Fugger, Giovanni Defuk. Er hatte beruflich in der Tuscia zu tun, war auf dem Weg nach Rom wegen des Investiturstreits, des Machtkampfes zwischen Kaiser und Papst. Das war gegen 1111. Um sich ein bisschen beim Wein entspannen zu können, ließ er seinen Diener Martin vorab nach geeigneten Plätzen forschen. Der kritzelte mit Kreide ein »Est!«, »Hier ist es!«, an die Türen der Tavernen, die mit gutem Trunk aufwarten konnten. In Montefiascone, was zu Deutsch so viel wie Flaschenberg bedeutet, malte er ein » Est! Est! Est!« an eine Pforte. Der Prälat blieb. Und trank Muskateller. Bis er starb und in Montefiascone bestattet wurde. Den Est! Est! Est! gibt es heute noch. Er wird aus Trebbiano, Roscetto und Malvasia gemacht. Ein trockener Weißer, der am besten schmeckt, wenn noch ein bisschen Chardonnay und Sauvignon dabei sind.

Hinter jeder Ecke lauern Geschichte und Geschichten. Hier hat es schon den Etruskern gefallen, und noch heute kann man in ihren Nekropolen herumstromern. Die Goten auf ihren Eroberungszügen kamen durchs Land, Alarich, Theoderich. Im Jahr 1263 dann machte ein böhmischer Priester in Bolsena Station. Er hatte ein bisschen Probleme mit der Eucharistie, zweifelte an der Verwandlung von Hostie und Wein in Leib und Blut Christi. Da geschah das Wunder: Die Hostie fing an zu bluten, und das Blut tropfte auf Messgewand und Kirchenboden. Papst UrbanIV. kam das zupass. Es gab den Anstoß zu einem jährlichen Fest für die gesamte römische Kirche. Corpus domini. Der Leib des Herrn. Fronleichnam. Das war vorher nur in Lüttich begangen worden. Die Leute von Bolsena feiern es am zweiten Sonntag nach Pfingsten mit einer Prozession, auf der auch einer der blutbetropften Steine mitgeführt wird. Den Weg hinauf zur Burg schmücken sie mit Blütenteppichen, bunten Blumenbildern – manchmal fast wie Comics – aus strahlendem Ginster, blauen Hortensien, roten Rosenblüten, schwarz gefärbtem Sägemehl, Vogelfutter.

Vergesst den Kirchenstaat! Die sinnenfrohen, geistlichen Würdenträger der Renaissance wussten die Gegend zu schätzen. Voran die aus der nicht ganz sittenstengen Familie Farnese. Und darum ragt an manchem Ort noch eine ihrer mächtigen Residenzen auf. In Capodimonte zum Beispiel, der schmalen Landzunge mit ihren aufgestapelten Häusern. Hier legen die kleinen Schiffe zur Insel Bisentina ab. Auch sie gehörte einmal den Farnese. Sie luden zum Feiern und zur Jagd. Ein Gast, von Beruf Papst, hatte Hämorrhoiden. Und deshalb ließ er sich in einem besonderen Stuhl zur Jagd tragen. Noch heute gibt es ganz viele Kaninchen auf der Insel. Und Biberratten. In den Wiesen wuchert wild die Minze und betört mit ihrem Duft. Längst haben die grünen Kletterpflanzen von den Mauern der Klosterkirche Besitz ergriffen, ihr Inneres ist leer geräumt, für Renovierungen fehlt das Geld. Es schwebt etwas Zeitloses über den Maulbeerbäumen und Lorbeeralleen, den Hortensienbüschen. Und wenn das Schiff wieder ablegt, bleibt nur der einsame Wächter des verwunschenen Eilands in Privatbesitz zurück. Und sein Hund. Und das Vogelzwitschern und das Zirpen der Zikaden.

Vergesst den Lago di Bolsena! Wer liebt es schon, an einem See Urlaub zu machen, wo doch Italien fast rundherum vom Meer umgeben ist. Auf dem See ist nichts los. Nicht einmal am Sonntagmittag, bei 30 Grad. Die Surfbretter bleiben am Ufer und die vielen kleinen Segelboote auch, nur ein Wasserskifahrer zieht einsam die Runde auf ein paar der 115 Quadratmeter Wasser. Wasser, so sauber, dass man es trinken kann. Sagt Dottore Pierangeli, der die Gesellschaft leitet, die für die neue Ringkanalisation zuständig ist. Nichts Dreckiges fließt mehr in den See. Industrie hat es ohnhin nie gegeben. Nur Landwirtschaft. Am schwarzbraunen Strand, der Lavasand ist, weil der See vulkanischen Ursprungs ist, dösen ein paar Bikinischönheiten auf ihren Badetüchern. Daneben, im Strandbad von Bolsena, wo Liegen und Schirme und Boote zu leihen sind, faulenzen auch nur wenige.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30
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