Ich bin nicht überzeugt, I am not convinced", rief Joschka Fischer seinen amerikanischen Regierungskollegen im Februar auf der Münchner Wehrkundekonferenz zu, nachdem sie ihre Gründe für eine Invasion Iraks vorgetragen hatten. In diesen Tagen wird der Außenminister in Washington feststellen können, dass Zweifel an deutscher Bündnistreue inzwischen die geringsten aller Sorgen der Regierung von George W. Bush darstellen. Die Opposition der Demokraten im Kongress regt sich plötzlich, die amerikanischen Medien wittern quotenträchtige Skandalberichterstattung, und schon blühen - spiegelbildlich zu Kommentaren in Europa - auch in Amerikas Presse Verschwörungstheorien auf: Im Falkenhorst um Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vizepräsident Dick Cheney sei erst eine imperiale Strategie für den Mittleren Osten ausgebrütet worden; dann hätten die anglo-amerikanischen Geheimdienste Indizien für eine akute militärische Gefahr durch Saddam Hussein auf Bestellung fabriziert; und schließlich sei die Weltöffentlichkeit getäuscht worden, um am Ende nur das zu tun, was man von Anfang an wollte – im Irak einmarschieren.

Das Chaos wird verwaltet

Und in der Tat: Die Chefverkäufer des Krieges, George W. Bush und Tony Blair, kommen innenpolitisch ins Schleudern, weil ihre Darstellung irakischer Nuklearpläne auf ein gefälschtes Dokument zurückgriff. Und im Irak verwalten die Besatzungstruppen das Chaos – unter Lebensgefahr. Der Krieg geht offenkundig in anderer Form weiter. Schadenfreude ist unter Bushs amerikanischen Kritikern wieder ein gebräuchliches deutsches Fremdwort. Strafe muss sein, freut sich das kollektive europäische Unbewusste – zu Unrecht.

Die Wahrheit ist interessanter und komplizierter. Die amerikanische Außen- und Innenpolitik seit dem 11. September 2001 entspringt nicht einer Verschwörung, sondern einer politischen Verwirrung. Der Terror-Angriff auf Amerika hat die Bush-Administration offensichtlich überfordert – zunächst verständlicherweise emotional, dann aber auch politisch und kommunikativ, allmählich sogar militärisch und finanziell. Der Entschluss des Präsidenten und seines Aussenministers, eine zweite UN-Resolution zur Rechtfertigung einer Irak-Invasion anzustreben, das Biegen und Fälschen von Beweisen – all das waren Fehler, geboren aus innerer Hilflosigkeit. Die amerikanische Regierung konnte der Welt ihre neue Politik für den Mittleren Osten nicht erklären, weil sie ihr selbst noch nicht klar war.

Wie denn auch? Nach dem 11. September 2001 wurde schnell offenbar, dass die USA, bislang durch Ozeane und eigenes Militär vor Angriffen geschützt, Biotope für Terrorismus irgendwo auf der Welt nicht mehr hinnehmen können. Darum nahmen sie sich vor, den Mittleren Osten umzugestalten. Sie wollten die falsche Stabilität der Region mit ihrem terroristischen Fallout nicht länger akzeptieren. Das Ziel war erkannt, doch der richtige Weg dahin ist bis heute nicht markiert. Wie kann man diese autokratisch regierte Region stabilisieren, ja demokratisieren? Wie baut man einen muslimischen, multiethnischen Staat wieder auf? Wie überwindet man den bislang unlösbaren Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern? Wie verhindert man eine atomare Aufrüstung im Iran, die durch eine regionale Militär-Intervention doch eher angeheizt als gebremst wurde?

Noch sind diese Fragen nicht eindeutig zu beantworten. Die Antworten können nur im Zuge schmerzvoller Lernprozesse gefunden werden. Nicht viel anders war es nach dem Krieg in Deutschland. Damals, 1945, hatten die Westalliierten zwar viele Ideen in der Schublade, aber keinen Masterplan (sieht man von Mr. Morgenthaus Idee ab, Deutschland in eine Wald- und Heidelandschaft zu verwandeln). Die Sieger mendelten sich einfach voran, so wie heute im Irak.

Amerikas neue Außenpolitik verschärfter Weltveränderung neigt zur Selbstanmaßung. Vor allem jedoch tendiert sie zur Selbstüberforderung. Wie furchtbar schwer es ist, die Welt dem eigenen zivilen und demokratischen Maßstab anzupassen (vom wirtschaftlichen ganz zu schweigen), zeigt sich in Afghanistan wie im Irak. Wer die Lage dort betrachtet, wünscht sich spontan, die Amerikaner hätten den Mittleren Osten gar nicht erst in derartige Schwingung gebracht. Aber war nicht die gewöhnliche Politik des langsamen Wandels durch gutes Zureden und business as usual erfolglos geblieben? Saddam ignorierte 17 UN-Resolutionen. Arafat führte die Israelis und den Rest der Welt wieder und wieder an der Nase herum. Saudi-Arabien weigerte sich, seinen religiösen Fundamentalismus zu zügeln und verschloss die Augen vor den eigenen antiwestlichen Terror-Zellen. Hatten die Amerikaner also Alternativen? Und hatten sich die Europäer überhaupt ernsthafte Gedanken darüber gemacht?

Und wenn ja – jetzt wären sie veraltet. Die Umstände haben sich verändert. Damit ist schon fast die Frage beantwortet, ob sich Deutschland, wie die Amerikaner es offenkundig wünschen, am Wiederaufbau im Irak beteiligen soll oder nicht. Legitim wäre es, nein zu sagen. Immerhin haben die Amerikaner gegen den Willen der Deutschen diesen Feldzug unternommen. Nur, was könnte eine deutsche Regierung mit solcher Politik erreichen? Die Amerikaner Mores lehren? Das ist nicht mehr nötig. Denn ihr Ruf nach Hilfe im Irak zeigt, wie sehr sie bereits spüren, dass sie es allein nicht können.