Frau Clinton, übernehmen Sie!

Hillary Rodham Clinton ist Buchautorin, Politikerin, Gesamtkunstwerk – und hat eine Sehnsucht geweckt, die nur sie selbst erfüllen kann: Weltpräsidentin für uns alle zu sein. Doch wofür bewundern wir sie eigentlich?

Sie wird die erste Weltpräsidentin! Dieser Gedanke kam schubweise. Angedeutet hat er sich vor vier Wochen, als gleichzeitig die Fernsehbilder von der signierenden Hillary Rodham Clinton und der signierenden Joanne K. Rowling zu sehen waren. Seit Clintons Deutschlandbesuch nimmt er immer mehr Gestalt an. In den Kulissen des Fernsehstudios zunächst, als sich Hillary Clintons junge Assistentin mit der Zunge über die Lippen fährt. Eine Geste, die an niemanden gerichtet ist, denn die condoleezzahafte Assistentin läuft, nein: schreitet in ihrem blauen Anzug gerade durch den Scheinwerferschatten im Studio von Sabine Christiansen. Es ist eine selbstverliebte Geste, pure Professionalitätslust offenbar. Diese Dame genießt das Ergebnis ihrer Arbeit: Hillary Clinton, die Chefin, ist perfekt in Szene gesetzt, die deutschen Fernsehleute halten sich brav an ihr Briefing und weisen ihrerseits das Publikum auf die Sonderbehandlung hin: »Heute müssen alle Studiogäste sitzen bleiben, bis die Senatorin den Raum verlassen hat!«

Ihre offenen Augen, ihr stetes Lächeln – sie wirkt wie fürs Fernsehen geboren

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So ist es immer, wenn wichtige US-Politiker auf Auslandsreise gehen. Ihre Vorauskommandos verwandeln erst einmal die zu besuchenden Orte, passen sie ihren Standards an, sicherheitstechnisch, lichttechnisch, termintechnisch. Ortsveränderung als Amerikanisierung des jeweiligen Biotops. Und wenn die Politiker dann leibhaftig kommen, in ihren Pulks, wirkt es stets so, als würden sie auf einer Art unsichtbaren US-Insel hereinschweben, strahlend, lächelnd, wie Figuren in Farbe, die unversehens in einen Schwarzweißfilm geraten sind. Alles außerhalb dieser Insel wirkt plötzlich verschattet. Angela Merkel zum Beispiel. Die CDU-Chefin erweckt den Eindruck einer Altwelt-Politikerin, die halt ins Fernsehen geht. Hillary Clinton mit ihren weit offenen Augen, ihrem sehr breiten Lachen, ihrer Kerzengeradheit sieht dagegen aus, als sei sie fernsehgeboren. Bei Merkel fallen die Gesichtszüge während einer Fernsehsendung immer mal wieder in die Stand-by-Position. Clintons unwegwischbares Lächeln hingegen bleibt auch nach Sendeschluss noch am Platz. Und dann die Betreuung: Kaum sind die Kameras abgeschaltet, steht schon die junge Assistentin hinter ihrer Chefin, um ihr das Mikrofon und das Kabel von der pinkfarbenen Jacke zu zupfen. Keine Fremden an den Körper der Königin, bitte! Und keine unbetreute Sekunde. Beide, Chefin und Assistentin, wirken gleichermaßen attraktiv, unnahbar und schmutzabweisend.

Ganz anders in dieser Woche George W. Bush: Er hat die Welt belogen. Er will sie retten und beherrschen, nur richtig kümmern tut er sich nicht. Aber es gibt Hoffnung: Bush ist nicht Amerika. Sie ist Amerika. Und mehr als das.

Sie wird die erste Weltpräsidentin! Der Gedanke wird noch deutlicher, als die Senatorin das Studio verlassen will. Da bricht das Publikum spontan in Beifall aus. Was ziemlich erstaunlich ist, denn an jenem Tag sitzen dort überwiegend Journalisten, und die pflegen Politiker nicht zu beklatschen. Abgesehen davon, mögen die Deutschen das Perfekt-Künstliche eigentlich nicht. Sie sind als Abendländler schließlich stolz auf ihren leichten Schmuddel, das ist doch die Patina einer langen, großen Vergangenheit. Wir sind die Lebensabendländler, und die da drüben, das sind die Frischlinge der Weltgeschichte. Kein deutscher Fernsehzuschauer würde einer amerikanischen Nachrichtensprecherin auch nur eine einzige Nachricht glauben, weil die alle so overstyled sind. Nun aber klatschen die deutschen Journalistinnen und Journalisten. Ein spontaner Anfall ungewollter Verehrung.

Sie signiert nicht nur ihr Buch – sie inszeniert den ersten Weltwahlkampf

Wofür bewundern wir sie eigentlich? Hat Hillary Clinton irgendetwas gesagt, was diese Gefühle rechtfertigen würde? Hat sie in ihrem Buch irgendetwas geschrieben, das wirklich bewegen würde? Kaum. Aber wen interessiert hier das Was? Schließlich schert sich auch niemand sonderlich um die Songtexte von Madonna. Und dass Hillary Clinton, wie man hört, an sich gar nicht so charismatisch ist, dass ihr Händedruck merkwürdig schlaff ausfällt – auch das tut ihrer Wirkung keinen Abbruch. Im Gegenteil. Ein Weltpopstar kann und darf kein zu starkes eigenes Charisma haben – er hat Projektionsfläche zu sein, eine für die ganze Welt angenehme Benutzeroberfläche, stets gleich geschminkt vor dem stets gleichen Poster ihres Buchverlages. Dabei aber Herrin über das je eigene Bild. Mit der Jacke in Pink, einer Farbe, die in Deutschland normalerweise nicht gut geht.

Hillary Clinton wird im Jahr 2008 die erste Präsidentin der ganzen Welt sein. Spätestens. Jetzt steht der Gedanke immer klarer vor Augen. Mit ihrem Geständnis-Buch ohne jedes Geständnis und mit ihrer Welttournee hat sie sich als Popstar etabliert – weil es nicht um sie als Politikerin geht, sondern um sie als Frauenschicksal und als Lebensmodell. Oder war dies schon der Beginn des ersten Weltwahlkampfs? Jedenfalls wird sie auf ihrer Tournee zu einer ziemlich perfekten Mischung aus Bill Clinton, Madonna und Joanne K. Rowling; sie überwindet die nationalen Geschmacksgrenzen ebenso wie die politischen. Sie ist öfter in den Weltmedien als Bush auf seiner Afrikareise. Hillary Clinton hat eben etwas mehr, etwas Entscheidendes mehr: Sie hat unter der Lewinsky-Affäre gelitten, blieb dennoch bei ihrem Bill – und blieb stark. Eine Märtyrerin der Moderne. Dabei aber mit dem 68er-typischen Narzissmus, auch mit einem atemberaubenden und nicht mehr so recht in die Zeit passenden »Wir sind die Guten«-Gestus gegenüber den Republikanern, genauer: dem anderen Clan, den Bushs. Der lebensweltliche Konservatismus, den die Senatorin heute trägt, schreckt nicht so ab wie der der Bushisten, weil er aus der linken Sozialisation kommt, weil er die Libertinage hinter sich hat und sie – mutmaßlich – nicht heimlich nebenher betreibt.

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