Fernsehen Wen wollen wir jetzt angreifen?
Unter George W. Bush ist die US-Fernsehsatire zahm geworden. Immerhin, es gibt Ausnahmen. Zu ihnen gehört Jon Stewart. Er will die absurde Wirklichkeit nicht überbieten, aber er behält sie im Auge
Der Krieg hat Kollateralschäden im amerikanischen Humor angerichtet. Warum, zum Beispiel, machen TV-Talkmaster keine Witze mehr über Deutschland? „Weil Deutschland“, sagt Jon Stewart, „aus anderen Gründen gegen den Krieg war als Frankreich. Deutschland ist wie ein trockener Alkoholiker, der nicht einmal mehr in die Nähe einer Bar gehen will.“ Dann grinst er. „Und außerdem haben wir Richtlinien von unserem Sender, dass 90 Prozent unserer Witze von Franzosen handeln müssen und nur 10 Prozent von Deutschen.“
Die USA durchleben eine Zeit, in der es immer schwerer wird, Nachrichten von Satire zu unterscheiden. Und so ist Jon Stewarts satirische Daily Show im Kabelprogramm Comedy Central zum Spiegel der Befindlichkeit eines Landes geworden, das eine kriegerische Invasion Iraqi Freedom nennt, dessen TV-Korrespondenten ankündigen, sie werden Osama bin Laden erschießen, und dessen ehemaliger CIA-Chef James Woolsley als irakischer Informationsminister gehandelt wird. Braucht man da überhaupt noch satirische Nachrichten? „Wir versuchen nicht, die absurde Wirklichkeit zu überbieten“, sagt Stewart. „Es genügt, wenn wir sie im Auge behalten.“
Eine Fanfare a la Star Wars kündigt die Daily Show an: Trompeten, Trommelwirbel, ein digitaler Globus dreht sich, Kamerafahrt auf Stewart, einen schmalen, mittelgroßen Mittvierziger, der in seinem Anzug irgendwie verkleidet wirkt, hinter einem gigantischen Schreibtisch. Seine drei „Reporter“ treten, je nach Bedarf, als Senior Analyst for the Middle East, White House Correspondent oder Specialist for Biological Warfare auf. Dann tun sie vor der Kamera so, als stünden sie im Sandsturm vor Bagdad, oder bewegen sich ruckartig, als würde ihr Bild vom Satelliten übertragen. „Werden wir als Nächstes Syrien angreifen?“, fragt Stewart, der den Anchor im Studio mimt, den Embedded Chief Reporter Steven Colbert. „Stehe ich immer noch unter der Militärzensur der eingebetteten Korrespondenten?“, fragt Colbert zurück. „Ja“, sagt Stewart. Colbert: „Dann: nein.“
Als die (echte) Nachricht lief, dass Halliburton, die frühere Firma von US-Vizepräsident Dick Cheney, einen Milliardenauftrag im Irak erhalten werde, fragt Stewart: „Wie beurteilen Sie diesen Vorgang?“ Und Senior Political Commentator Ed Helms sagt: „Ich suche noch nach einem Wort, das stark genug ist. Ein Wort, das Ekel, Abscheu, Wut und äußerste Empörung ausdrückt. Ein Wort, das beschreibt, wie einem so derartig schlecht wird, dass man sich sofort übergeben muss, ein Wort, das das Widerlichste des Widerlichsten…“ und so fort.
Diese Radikalität macht Stewart zur „signifikanten kulturellen Kraft“ (New York Times). Denn seit der „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“-Rhetorik von George W. Bush liefern die US-Talkmaster der nationalen Networks – ABC, NBC, CBS – eine Art DDR-Humor ab: Witze über Bückware und Bürokratie, bloß nicht thematisieren, was wirklich weh tut. David Letterman macht Truppenbesuche in Bagdad und scherzt über Gefangene in Guantánamo Bay. Jay Leno kalauert über Hollywood und die Demokraten. Die Ulksendung Saturday Night Life lässt zwar (wie früher) einen Bush-Klon auftreten, aber er ist nicht mehr tumb und faul. Stattdessen macht er sich über das devote Pressecorps lustig, eine sichere Sache. Oder über steinewerfende Irakis. Oder über Osama bin Laden und seine Ziege. Und Bill Maher, der nach dem 11. September gesagt hatte, feige sei nicht, mit einem Flugzeug ins World Trade Center zu fliegen, sondern aus zehntausend Meter Höhe Bomben zu werfen, wurde gefeuert, obwohl seine Show doch Politically Incorrect hieß (ZEIT Nr. 24/03).
„Bill Maher“, sagt Stewart, „hat heute eine Show auf HBO, im Edelkabel, und er tritt am Broadway auf. Das soll Zensur sein? Das ist der Deal! Wir sind im Showbusiness! Das Network besitzt mich. Ich erzähle Witze, und wenn ich keine Quote einfahre oder wenn ich mehr Ärger als Gewinn bringe, feuern sie mich. Wenn die mit meinen Ideen genug Geld verdienen, behalten sie mich. Es gibt keine Freiheit der kommerziellen Rede, und ich bilde mir nicht ein, ein Recht auf Sendung zu haben. Viele Medien sind heute nach rechts gedriftet, aber das liegt daran, dass es dafür einen Markt gibt. Es gibt keine Männer in schwarzen Hubschraubern, die die Wirklichkeit kontrollieren. Maher ist nicht Solschenizyn.“
Maher ist kein besonders politischer Mensch. Er ist ein Komiker, der durch eine unvorsichtige Bemerkung zur Ikone der Linken wurde. Es fehlt ihm die Schärfe dessen, der wirklich glaubt. Andererseits, er kennt die Regeln. Kein Selbstmitleid auf offener Bühne. Tut es ihm leid, dass er gefeuert wurde? Nein, sagt er. Er sei sein ganzes Leben lang aufsässig gewesen. Und nun sei er bei HBO. Da könne er offener reden, vor allem über Sex.
Die Daily Show wird in einem Studio in einem Industriegebiet am Hudson produziert, das wie eine Lagerhalle aussieht. Während der Werbung schlendert Jon Stewart durch die Reihen und beantwortet Fragen aus dem Publikum: „Wie können die Demokraten wieder auf die Beine kommen?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich habe für beide Parteien keine Sympathie“, sagt er. „Aber die Demokraten…“ Seufzt. Lange Pause. Nach der Show, im Interview, fällt ihm etwas ein. „Die sollten sich auf eine Insel zurückziehen und üben, wie man regiert, so 50, 80 Jahre lang.“ Oder nach Kanada? „Gute Idee. Dann hätten sie auch Krankenversicherung.“ Und die könnten sie dann irgendwann in den USA einführen. „Nein, nein, das ist kommunistisches Teufelszeug. Das habe ich nicht gehört.“ Klopft auf den Schreibtisch, als sei dort eine Wanze verborgen. „He! Ihr! Ich habe das nicht gehört.“
Der 11. September brachte den Patriot Act hervor. Die US-Regierung kann Telefone und Computer überwachen, Daten sammeln und „Profile“ anlegen. „Genau“, sagt Stewart. „Und jeder kann jeden verhaften, der als Terrorist verdächtigt wird.“ Jeder? Gilt das nicht nur für Weiße? Er grinst. „Richtig, das steht im Kleingedruckten.“ Bitte, im Ernst. „Nein, ich habe keine Angst. Wovor? Niemand wird nachts in mein Haus kommen und mich abführen. Und wenn das passiert, dann ist etwas in der Welt so derart schief gegangen, dass das meine kleinste Sorge sein wird.“ Er fügt hinzu: „Es ist richtig, gegen den Patriot Act zu kämpfen. Aber man sollte ihn nicht mit Faschismus verwechseln.“
Auf HBO tobt sich auch Ali G aus. Ali G – der richtige Name des britischen Komikers ist Sacha Baron Cohen (ZEIT Nr. 20/03) – ist völlig unpolitisch, aber auf hinterlistige Weise führt er Politik vor. Ali G macht Stunts, die er als Interviews tarnt. Er reist mit der Kamera durch die USA und gibt den neugierigen Fremden. Zum Beispiel spricht er als schwuler Punk mit österreichischem Akzent mit einem weißen Reaktionär aus dem mittleren Westen. Der hat mit dem gepiercten Ali G keine Probleme, man habe doch einen gemeinsamen Feind: die Juden in Washington.
Im Interview mit dem früheren Außenminister James Baker (dem bei der Vereinbarung der Termins vorgegaukelt wurde, er trete in einer britischen Dokumentarserie auf) treibt er die Absurdität auf die Spitze: Baker erklärt Ali G, wie die USA andere Länder behandeln müssten, mit „carrot and stick“, Zuckerbrot und Peitsche. Ali G beißt sich vier, fünf Fragen lang an den „carrots“ fest: Und wenn die Leute in diesen Ländern keine Karotten mögen? Nein, Ali G liebt die USA nicht, dafür sind seine Beiträge zu schrill und zu mitleidslos. Aber er ist Kult bei denen, denen Stewart zu normal ist.
Stewart hat sich derweil in unserem Gespräch von der deutschen Ernsthaftigkeit anstecken lassen. „Die meisten Leute denken, in den USA geht es um Kapitalismus, aber in Wahrheit geht es um Selbstbestimmung“, sagt er. „Ich kritisiere dieses Land, aber ich werde es auch erbittert verteidigen. Ich sehe die Fehler, das Unheil, das Amerika anrichtet, ich wünschte, das wäre anders, aber alles in allem ist es ein unglaublich erfolgreiches Experiment. Haben wir einiges in den Sand gesetzt? O ja. Aber alle Länder haben Blut an ihren Händen. Und dass Europa jetzt sagt: Guckt mal, was Amerika da tut – das ist unglaublich. Das macht mich fertig. So viel Selbstgerechtigkeit nach einer derartig blutigen europäischen Geschichte … Wir sind Narzissten, aber wir sind nicht selbstgerecht.“
Warum wird Amerika dann immer so missverstanden? „Man kann nicht kontrollieren, was andere über einen denken“, sagt Stewart. „Wir können nur unser Bestes versuchen, und wenn das nicht funktioniert, starten wir die Cruise-Missiles.“ Und grinst. „Der Titel meines nächsten Buches ist: Deutschland und seine Marotten“, verspricht er noch.
Übrigens ist Stewart auch in Deutschland zu empfangen: auf CNN, Samstagnacht um 0.30 Uhr. Er wird anmoderiert mit: „Das ist keine echte Nachrichtensendung. Herr Stewart ist kein echter Moderator.“ Bei den Deutschen weiß man ja nie.
- Datum 25.10.2007 - 14:29 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30
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