Fernsehen Wen wollen wir jetzt angreifen?Seite 2/2
Der 11. September brachte den Patriot Act hervor. Die US-Regierung kann Telefone und Computer überwachen, Daten sammeln und „Profile“ anlegen. „Genau“, sagt Stewart. „Und jeder kann jeden verhaften, der als Terrorist verdächtigt wird.“ Jeder? Gilt das nicht nur für Weiße? Er grinst. „Richtig, das steht im Kleingedruckten.“ Bitte, im Ernst. „Nein, ich habe keine Angst. Wovor? Niemand wird nachts in mein Haus kommen und mich abführen. Und wenn das passiert, dann ist etwas in der Welt so derart schief gegangen, dass das meine kleinste Sorge sein wird.“ Er fügt hinzu: „Es ist richtig, gegen den Patriot Act zu kämpfen. Aber man sollte ihn nicht mit Faschismus verwechseln.“
Auf HBO tobt sich auch Ali G aus. Ali G – der richtige Name des britischen Komikers ist Sacha Baron Cohen (ZEIT Nr. 20/03) – ist völlig unpolitisch, aber auf hinterlistige Weise führt er Politik vor. Ali G macht Stunts, die er als Interviews tarnt. Er reist mit der Kamera durch die USA und gibt den neugierigen Fremden. Zum Beispiel spricht er als schwuler Punk mit österreichischem Akzent mit einem weißen Reaktionär aus dem mittleren Westen. Der hat mit dem gepiercten Ali G keine Probleme, man habe doch einen gemeinsamen Feind: die Juden in Washington.
Im Interview mit dem früheren Außenminister James Baker (dem bei der Vereinbarung der Termins vorgegaukelt wurde, er trete in einer britischen Dokumentarserie auf) treibt er die Absurdität auf die Spitze: Baker erklärt Ali G, wie die USA andere Länder behandeln müssten, mit „carrot and stick“, Zuckerbrot und Peitsche. Ali G beißt sich vier, fünf Fragen lang an den „carrots“ fest: Und wenn die Leute in diesen Ländern keine Karotten mögen? Nein, Ali G liebt die USA nicht, dafür sind seine Beiträge zu schrill und zu mitleidslos. Aber er ist Kult bei denen, denen Stewart zu normal ist.
Stewart hat sich derweil in unserem Gespräch von der deutschen Ernsthaftigkeit anstecken lassen. „Die meisten Leute denken, in den USA geht es um Kapitalismus, aber in Wahrheit geht es um Selbstbestimmung“, sagt er. „Ich kritisiere dieses Land, aber ich werde es auch erbittert verteidigen. Ich sehe die Fehler, das Unheil, das Amerika anrichtet, ich wünschte, das wäre anders, aber alles in allem ist es ein unglaublich erfolgreiches Experiment. Haben wir einiges in den Sand gesetzt? O ja. Aber alle Länder haben Blut an ihren Händen. Und dass Europa jetzt sagt: Guckt mal, was Amerika da tut – das ist unglaublich. Das macht mich fertig. So viel Selbstgerechtigkeit nach einer derartig blutigen europäischen Geschichte … Wir sind Narzissten, aber wir sind nicht selbstgerecht.“
Warum wird Amerika dann immer so missverstanden? „Man kann nicht kontrollieren, was andere über einen denken“, sagt Stewart. „Wir können nur unser Bestes versuchen, und wenn das nicht funktioniert, starten wir die Cruise-Missiles.“ Und grinst. „Der Titel meines nächsten Buches ist: Deutschland und seine Marotten“, verspricht er noch.
Übrigens ist Stewart auch in Deutschland zu empfangen: auf CNN, Samstagnacht um 0.30 Uhr. Er wird anmoderiert mit: „Das ist keine echte Nachrichtensendung. Herr Stewart ist kein echter Moderator.“ Bei den Deutschen weiß man ja nie.
- Datum 25.10.2007 - 14:29 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30
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