Roman Der zitierbare Simenon

Oft habe ich die Gelegenheit dieser Kolumne benützt, um herumzurätseln, warum Simenon ein großer Schriftsteller ist; solches Rätseln gehört zu den Vergnügungen der Kritik, aber ich glaube, der Kritiker hat dabei selten einen Partner im Objekt seiner Zuneigung. Die Eitelsten der Angebeteten verachten ja ihre Anhänger, und überhaupt ist eine Rezension, in der der Kritiker Bedeutendes äußert, für Schriftsteller nicht immer willkommen. Im Unterstellen von Bedeutungen macht der Kritiker sich vom Schriftsteller unabhängig, ja, er enteignet ihn, setzt anstelle einer ursprünglichen Leistung „eigene“, sekundäre Ideen. So kam auch Simenon der redseligen Begeisterung kaum entgegen, erklärte er doch klipp und klar, er würde Geschichten erzählen und sonst nichts! Wie in jedem „sonst nichts“, das der Rede wert ist, steckt auch in diesem eine Welt, auf die es ankommt.

Ich rätsele also weiter und bin dabei nicht der Einzige: Ein Kollege auf diesem Gebiet hat beim Versuch, Merkmale aus Simenons Schriften herauszuarbeiten, die Unzitierbarkeit genannt: Simenons Romane seien aus einem Guss, man könne daraus nichts zitieren. Keine Rede davon, ich habe Simenon sogar aufsehenerregend zitiert, zum Beispiel ein paar Sätze aus dem Roman Der Teddybär in der wunderbaren Übersetzung von Ingrid Altrichter, die gleich den Anwalt verständigt hat. Mit Recht, denn ich hatte, gegen das Urheberrecht verstoßend, ihre Worte zitiert und ihren Namen nicht genannt – aber das Schöne an der ganzen Affäre war, dass die Übersetzerin verlangte, eine von mir als Zitat ausgewiesene Stelle als keineswegs von ihr stammend zu berichtigen. Die Übersetzerin irrte, das Zitat war korrekt, und ich hatte die Freude, dass das Gedächtnis eines Menschen in Urheberrechtsfragen großzügiger ist, als der Beruf es erlaubt.

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Ich kann es nicht leugnen: Meine Sympathie für Simenon rührt auch daher, dass er nicht aus der Bibliothèque nationale, sondern von der pulp fiction her kommt. Simenon hat, um des doch sehr lieben Geldes willen, eine Zeit lang Schundhefte verfasst. Das merkt man einem der in der Neuausgabe bei Diogenes jüngst erschienenen und von Angela von Hagen übersetzten Roman auch an: Das Gasthaus im Elsaß besteht aus Versatzstücken der Trivialliteratur. Man wird dieses Buch außerdem ohne museales Interesse kaum mit Vergnügen lesen; es ist wie einer dieser Schwarzweißfilme aus den dreißiger und vierziger Jahren, in denen eine holzschnittartige Unheimlichkeit von den wesentlichen Charakteren ausging. Uhhh, dieser Serge Morrow, der in einem Gasthaus im Elsass Quartier genommen hat, dieser Fremdkörper in der Idylle hat etwas Rätselhaftes. Ist er gut oder böse?

Böse dagegen, schon auf den ersten Blick, ist ein Brauereibesitzer. Er, aus dem Elsass stammend, könnte vom Wiener Nestroy sein, bei dem die Bierbrauer „Bierversilberer“ heißen. Simenons Monsieur Kampf hat ein „unanständig rosiges Gesicht und dicke Lippen“. Diese Lippen nehmen nicht zuletzt Wein auf; vom Biermenschen muss man erfahren, „wie er breit, fett und vulgär, im Sessel saß, mit triumphierend leuchtenden Augen und vom Wein geröteten Gesicht“. Natürlich hält dieser Mensch seine Hand keineswegs schützend über eine junge Witwe und deren Tochter…

Simenons Bücher, behaupte ich, haben immer eine Idee, eine grundsätzliche Aussage über die conditio humana. Zur Hälfte ist die Idee im Gasthaus der Sonderling in der Provinz, der Mann, der mehrere Sprachen spricht, sogar den einheimischen Dialekt; der – auch weil er nicht zahlungskräftig ist – jeden Verdacht auf sich zieht, und sei es den, dass alle Frauen sich in ihn verlieben, hat er doch – anders als ein eifersüchtiger Provinztölpel – „Manieren“. Dieses auf dem Land fremde Individuum zerfällt allmählich und verwandelt sich vor den Augen des Lesers in einen Menschen von unerbittlicher Souveränität; er tut, was er glaubt, tun zu müssen, und es zeigt sich, dass es auf der Welt überhaupt nur drei oder vier in seiner Größenordnung gibt!

Zum Zitieren finde ich den Satz: „Der Rhythmus seiner Schritte war so regelmäßig, dass er einem fast auf die Nerven gehen konnte.“ Ja, manche gehen so, dass sie einem direkt auf die Nerven gehen können. Simenon ist ein Regenmacher, und ich fange die Regengüsse auf: „Der Regen wollte allerdings nicht aufhören. Es war ein dichter schleierartiger Regen, der den Horizont in der Ferne abschloß wie eine Wand.“ Bei diesem Wetter lebt die Provinz nach ihrem ehernen Gesetz: Die Gäste gehen, sie bleibt bestehen.

π Georges Simenon: Das Gasthaus im Elsaß Roman; aus dem Französischen von Angela von Hagen; detebe 21425, Diogenes, Zürich 2003; 172 S., 7,90 Euro

 
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30
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  • Schlagworte Roman | Georges Simenon | Literatur | Elsass | Diogenes | Hagen | Wein | Urheberrecht | Zürich
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