Der Kölner gilt in der Welt als kulturbewusst und gelassen, im Schatten des Doms, so die Legende, könne man unbeschwert heitere Musenstunden erleben. Auch der amtierende Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), ein jovialer Mann mit humanistischer Bildung und sonnigem Gemüt, wird oft lachend gesichtet. Nach kölschen Richtlinien gibt er die Idealbesetzung seines Amtes ab, denn das Lachen ist der Schellenbaum der Zuversicht, getreu der drei Hauptparagrafen des rheinischen Katechismus: Et iss, wie et iss, et kütt, wie et kütt, und et hätt noch emmer joot jejange.

Derzeit stehen der fidelen Schicksalsergebenheit des gelernten Lateinlehrers Schramma allerdings Probleme von immesem Ausmaß gegenüber. Zum einen ist da das 500-Millionen-Euro-Defizit des städtischen Haushalts, das auch bei humorvoller Betrachtung nicht kleiner wird, zum anderen klafft da, weitaus anschaulicher, das mittlerweile sprichwörtliche "Kölner Loch" nahe dem Neumarkt. Dort wurden im vergangenen Dezember Kunsthalle, Kunstverein und VHS-Forum zugunsten eines großvolumigen Kulturzentrums abgerissen. Der 69 Millionen Euro teure Neubau soll neben den einstweilen in Schutt gelegten Instituten auch das Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde und Teile des Schnütgen-Museums beherbergen.

Die strangulierten Künste

Allerdings glauben nur fanatische Optimisten noch, dass dieses Projekt verwirklicht werde. Der Stadtrat will nämlich am 29. Juli im Sinne des Kämmerers ein "Aktionspaket" beschließen und den Kulturetat besonders grausam und luftdicht verpacken. 7,8 Millionen Euro im laufenden Jahr und insgesamt 21 Millionen Euro bis 2005 soll Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer einsparen: Bei solchem Willen zur Reduktion ist der Erstickungstod mehrerer Institute vorauszusehen.

Kann sein, dass Schramma diese Entwicklung äußerst gelegen kommt. Die Kölner beschleicht längst die Ahnung, der OB stehe allen kulturellen Vorhaben ohnedies ablehnend gegenüber. Berüchtigt das Telefonat, in dem er – an der Kulturdezernentin vorbei – der designierten Opernintendantin Barbara Mundel das Amt noch vor Antritt entzog; die Stelle ist eingefroren. Auch das "Kölner Loch", glaubt man, wolle Schramma nun seiner wahren Funktion zuführen – und zum teuren Grundstück für private Investoren umwidmen. Die scharren bereits mit den Hufen. Köln klüngelt.

Schramma könnte unter Berufung auf keinen Geringeren als Horaz das Projekt kämpferisch fortführen und nach dessen Errichtung "Exegi monumentum aere perennius" ("Ich habe ein Denkmal geschaffen, dauernder als Erz") exklamieren. Oder hat er Ciceros Bonmot "Iucundi acti labores" ("Erfreulich sind erledigte Arbeiten") im Sinn? Um nicht als Watschenmann der Kommunalpolitik dazustehen, beruft er sich abermals auf ein Telefongespräch, diesmal mit NRW-Kulturminister Michael Vesper (Die Grünen), der ihm die Streichung der für das Kulturzentrum zugesagten Städtebau-Fördermittel von 5,1 Millionen Euro signalisiert habe. Korrekt ist, dass Vesper seine Zusage, das Kölner Projekt mit 18,9 Millionen Euro aus dem Museumsbauprogramm des Landes zu unterstützen, unterdessen ausdrücklich erneuert hat (diesmal schriftlich). Nur müsse Köln endlich auch einen Antrag stellen, welcher den eigenen finanziellen Handlungswillen unmissverständlich artikuliere. Für 2003 und 2004 seien die Gelder bereits verplant. Hat Köln da eine Frist verpasst? Wahrscheinlich kommt in letzter Minute eine abgespeckte, eine Kompromisslösung zustande. Mag sein, dass Düsseldorf Druck auf den schwarz-grünen Kölner Stadtrat ausübt.

Die Mentalität des Kölners verbietet jede Resignation, mehr noch, sie setzt gerade im Moment von Niederlagen und größter Depression hochgemute Pläne frei, allerdings auf der schillernden Meta-Ebene, weit oberhalb des glanzlosen kommunalen Kulturkampfes. Im Jahr 2010 will die Domstadt als Kulturhauptstadt Europas antreten und unter Berufung auf ihren Nimbus das Duell gegen 14 deutsche Mitbewerber gewinnen – und sie will den vormaligen Berliner Kultursenator Christoph Stölzl als Generaldirektor jener Kölner Museen engagieren, die ihre Relevanz für Nordrhein-Westfalen, von der Republik ganz zu schweigen, in den vergangenen Jahren an die Nachbarstädte Düsseldorf und Bonn verloren haben.

Beide Vorhaben sind effektvoll sprudelnde Springbrunnen für den Vorgarten eines in sich maroden Hauses. Wie man hört, macht sich auch der künftige Generalmusikdirektor Markus Stenz, eine der glücklichen Verpflichtungen Hüllenkremers, bereits Gedanken, ob denn dieses Köln der rechte Ort für eine längere Station seiner Karriere sei. Stenz fragt sich, ob er überhaupt über den Tag hinaus Engagements treffen darf, wenn ihm niemand in der Stadt Planungssicherheit und Etatzusagen geben will.