ErzählungenTote Zonen im lebendigen Alltag

Yoko Ogawa erzählt von weiblicher Selbstauslöschung von Hubert Winkels

Wenn es sich mit geläufigen Worten wie Angst oder Ekel erklären ließe, hätte ich es bestimmt schon längst vergessen", sagt ein Alter, der von seinem Kindheitserlebnis in einer Schulküche erzählt. Dass Begriffe, auch existenzielle, nicht an tiefe körperliche Erfahrungen heranreichen, setzen die drei Erzählungen von Yoko Ogawa voraus. Sie inszenieren allesamt subtile Körperdramen, choreografieren sie präzis und mustergültig. Aber woran will sich hier der Alte und woran wollen sich die vielen jungen Frauen in den beiden Romanen und den drei Erzählungen der 41-jährigen Japanerin Yoko Ogawa überhaupt erinnern? Auf keinen Fall an lebhafte Erfahrung. Sie erinnern sich, wenn hier um der Wörtlichkeit willen ein Neologismus erlaubt ist, an todhafte Erfahrungen.

Die erste Geschichte des Bandes, Das Wohnheim, beginnt damit, dass eine junge Frau immer wieder ein seltsames Geräusch hört. Dieses Geräusch ist verknüpft mit der Erinnerung an ein heruntergekommenes Studentenwohnheim, in dem sie eine Weile gelebt hatte. Nun meldet sich ein Cousin der Frau und fragt nach einer preiswerten Unterkunft für sein Studium in der Großstadt. Sie empfiehlt ihm ihr altes Heim und begleitet ihn dorthin. Inzwischen ist das Gebäude so gut wie verlassen. Der Leiter, ein älterer Mann ohne Arme und mit nur einem Bein, macht ein Gerücht für das Ausbleiben von Kunden verantwortlich. Ein Student sei vor einiger Zeit spurlos aus dem Heim verschwunden.

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Nun setzt ein erregender Abwärtssog ein, in dem sich die Abwesenheit und die Schönheit eigentümlich durchdringen. So wird die Frau, die mehrmals ihren Cousin besuchen will, Zeugin der größten Eleganz und Anmut körperlicher Verrichtungen. Der verkrüppelte Hauswart, der mit seinen gepflegten fünf Zehen und gekonnten Zangenbewegungen von Schulterblatt und Kinn artistisch seinen Alltag bewältigt, verzaubert damit die Besucherin bis zur Sucht. Die steigert sich noch, als sie erfährt, dass der Mann dem Tod geweiht ist: Durch die unnatürlichen Bewegungen ist sein Brustkorb verwachsen, und die Rippen greifen mit blanken Spitzen auf das Herz zu. Während der Alte dahinsiecht, bleibt der Cousin verschwunden. Die Vermutung, er sei das Opfer jenes sterbenden Krüppels geworden, wird unabweisbar in dem Maße, wie dieser von den Einzelheiten des Körpers des Cousins schwärmt, von dessen kraftvoller Muskulatur, seinen starken Schulterblättern…

Es ist fantastisch, und zwar im Wortsinn, mit welcher Ausschließlichkeit und Beobachtungsgenauigkeit all die Details festgehalten werden, die zu diesem Netz aus Perversion und Verbrechen, Fetischismus und Grausamkeit gehören.

Man muss die völlige Konzentration auf die zentralen Linien und Motive der Geschichten sezierend nennen. Ja mehr noch, und um den Begriff des "Todhaften" zu beglaubigen: Sie sind methodische Obduktionen. Ein lebendiger Zusammenhang wird erzählerisch behandelt wie totes Gewebe. Und das bringt die todverfallene Struktur des Lebendigen selbst zutage. Die Figuren sind noch in ihrer Lebensgier, ihrer sexuelle Leidenschaft, ganz und gar vom Tod angezogen. Auch die Erzählerin in der Wohnheimgeschichte ist gebannt bis zur Hörigkeit durch den zum Tode Deformierten.

In Yoko Ogawas erstem auf Deutsch erschienenen Roman Hotel Iris folgt eine junge Frau einem elegant und souverän auftretenden Sadisten in sein Refugium des Schreckens. Auch hier gibt es im Hintergrund zwei gewaltsam zu Tode gekommene Frauen. Der folgende kurze Roman Der Ringfinger bringt das Grundmuster von Yoko Ogawas Erzählen dann überdeutlich hervor: Die junge Frau arbeitet bei einem Präparator, der in jener typischen, immer leicht surreal anmutenden Übersteigerung auch Immaterielles zu präparieren in der Lage ist. Auch hier waltet die kalte Lust weiblicher Selbstauslöschung, eindringlich und redundant inszeniert wie in einigen Stücken von Pina Bausch.

Die Schönheit dieser wiederkehrenden Motivkonstellation beruht wesentlich auf einem erzähltechnischen Raffinement. Naiv und kalt, kindlich und ausgebufft zugleich ist die Haltung der Erzählerin, der Exaktheit alles ist und individuelle Gefühle nichts sind. Das Unbewusste ist ein Schauplatz, den man beschreiben, aber nicht verstehen kann. Deshalb kein "Ekel" und keine "Angst". Deshalb dieser Sog hinab in eine Welt der Körperteile, der stilisierten Objekte und der rätselhaft genauen Abläufe. Man könnte sie in eine europäische Tradition der schwarzen Romantik und des Surrealismus einordnen, wenn da nicht diese anmutige, typisch japanische Verbindung von Unschuld und Grausamkeit wäre. Sie wirkt stilisiert und authentisch zugleich, ist geprägt von Zeichenhaftigkeit und unbedingter Hingabe. Das unterscheidet den Grundimpuls der Ogawa-Geschichten auch stark von den ansonsten nicht ganz unähnlichen Seziertexten von Thomas Hettche. Etwas mathematisch Präzises ist darin und zugleich ein rauschhaft gesteigerter Wirklichkeitsbezug. Man kann die Handlungsverläufe weitgehend vorhersagen, und trotzdem liest man voll Spannung und verweilt bei einzelnen Bildern mit Erkenntnis- und Angstlust.

Doch im neuen Geschichtenband, man muss es gerechterweise anfügen, variiert Yoko Ogawa ihr Grundmuster durchaus. Wenn sie allerdings auf eine Pointe, auf die Auflösung des Rätsels, setzt, wie im letzten Satz des Tagebuchs einer Schwangerschaft, wo Handlungsmotiv und Ergebnis einer Körpermanipulation direkt ausgesprochen werden, ist mit dem Schlusspunkt auch eine Enttäuschung gesetzt.

Wohingegen die dritte, die Titelgeschichte, fast beiläufig endet und alle Wege offen hält. Eine leere Schulküche und ein Schwimmbad im Regen haben wir sehr genau kennen gelernt, Räume für Nahrung, Bewegung, menschliches Miteinander, die verwaist sind, tote Zonen im lebendigen Alltag, ja an seinem Grund. Wie sagt der Alte noch? "Immer wenn ich eine Schulküche in der Dämmerung sehe, muß ich gleichzeitig an ein Schwimmbad im Regen denken."

Muss man noch sagen, dass Yoko Ogawa eine Entdeckung ist?

Yoko Ogawa: Schwimmbad im Regen Erzählungen; aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler; Liebeskind Verlagbuchhandlung, München 2003; 157 S., 17,50 ¤ Von derselben Autorin in der Verlags- buchhandlung Liebeskind erschienen: Hotel Iris; Roman, 2001 Der Ringfinger; Roman, 2002Schwimmbad im RegenBelletristikjapanischErzählungen; aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-ZieglerYoko OgawaBuchLiebeskind Verlagsbuchhandlung2003München17,50157Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler
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