Howard Potter isst für sein Leben gern. Und Kartoffelbrei mit Erbsen liebt er besonders. "Duncan hat zwei Erbsen mehr bekommen!", beschwerte er sich einmal als Kind beim Mittagessen, nachdem er einen Blick auf den Erbsenberg seines Bruders geworfen hatte. Die irritierten Eltern zählten nach. Howard hatte sich nicht getäuscht.

Heute ist Howard 37. Er lebt noch immer bei seinen Eltern in Bournemouth an der Südküste Englands. Ein freundlicher Zeitgenosse mit einem erstaunlichen Gefühl für Zahlen: Wurzel aus 73? "8,544", murmelt Howard. Was ist der 2. März 20100 für ein Wochentag? "Ein Donnerstag." Und der 1. September 30000? "Ein Freitag."

Als Baby schlief Howard kaum, erinnern sich die Eltern. Schon früh war er von Kalendern fasziniert. Er blickte niemandem direkt ins Gesicht und nahm keine Beziehung zu anderen Menschen auf. Howard ist Autist. In der Grundschule war er überfordert. Beim Intelligenztest erreicht er einen Wert von knapp über 90 – unterer Durchschnitt. Einen Beruf hat er nie ausgeübt. Bis heute ist er ganz auf seine Eltern angewiesen. Dabei hat Howard viel gelernt in den vergangenen Jahren: andere Menschen anzulächeln oder im Laden an der Ecke eine Tafel Schokolade zu kaufen. Doch es kann passieren, dass er beim Überqueren der Straße plötzlich mitten im Verkehrstreiben gedankenverloren stehen bleibt.

Es ist nicht einfach, mit Howard ins Gespräch zu kommen. Es sei denn, man stellt ihm konkrete Fragen: Wann hat die Schweiz zum letzten Mal an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen? "1994", kommt es wie aus der Pistole geschossen. Und nach einer Weile: "Davor 1962 und 1966. Da haben die Schweizer alle Spiele verloren." Auch die Pop-Musik erfasst Howard genauer als jedes Statistikamt: Welcher Song war in der ersten Februarwoche 1999 auf Platz eins der englischen Hitparade? "Maria von der Gruppe Blondie."

Dann steht Howard plötzlich auf, nimmt seine Brille von der Nase und beginnt damit am Wohnzimmerschrank zu kratzen. Er wirkt wie in Trance, als ob er in eine andere Welt eingetaucht wäre. "Einer seiner Ticks", sagt seine Mutter etwas ratlos. "Howard hat mir mal erklärt, dass er in solchen Phasen den Staub umherschiebe."

Menschen wie Howard geben auch der Wissenschaft Rätsel auf: Faszinierende Einzelfähigkeiten – so genannte Inselbegabungen – stehen bei ihnen in krassem Widerspruch zu einer durchschnittlichen oder schwachen allgemeinen Intelligenz. Savants werden sie genannt. Früher sprach man von "idiots savants".

Lediglich etwa 50 Savants sind weltweit bekannt: Christopher Taylor aus England hat sich selbst Hindi, Finnisch, Polnisch und unzählige weitere Sprachen beigebracht. Der Amerikaner Leslie Lemke ist blind und hatte nie Klavierunterricht – doch als Teenager spielte er plötzlich das Klavierkonzert Nummer 1 von Tschaikowsky, das er im Radio gehört hatte, fehlerfrei nach. Und der Engländer Joshua Whitehouse zeichnete als Neunjähriger brillante, naturgetreue Ansichten der Skyline von New York, die er lediglich aus dem Fernsehen kennt.

Wie schaffen Savants das? Und warum erreichen sie auf allen anderen Gebieten bei weitem kein vergleichbares Niveau? Solche Fragen bringen die Köpfe von Psychologen und Neurowissenschaftlern zum Rauchen. Einige behaupten gar, dass wir alle verkappte Savants sind: Das absolute Gehör, zeichnerische Begabung und eine gigantische Rechenfähigkeit würden auch in unseren Gehirnen schlummern. Tatsache ist, dass die meisten bisher bekannten Savants Autisten sind. Ein besseres Verständnis von Autismus scheint also ein wichtiger Schlüssel zum geheimnisvollen Savant-Syndrom zu sein.