mentalität Die Krise im Kopf

Mit ihrem Klein-Klein vergeudet die Generation Schröder-Stoiber jede Reformenergie in Deutschland. Und die Jüngeren lassen sich das gefallen

Sie sind die erste echte Nachkriegsgeneration, die Schröders und Stoibers in der Politik, in Verbänden und Vereinen, Unternehmen und Klassenzimmern. Sie sind aufgewachsen im Wirtschaftswunder und haben erlebt, wie eine aufstrebende Volkswirtschaft ihnen große Möglichkeiten schuf. Sie hätten es also besser wissen können. Doch sie haben Deutschland in die Sackgasse rutschen lassen. Wenig Wachstum, wenig Arbeit, wenig Zukunft – das ist ihre Bilanz, die sie nun im letzten Moment mit einem gewissen Eifer, aber ohne Vision von einem besseren Land zu korrigieren versuchen.

Die Jugendrevolte ihrer Generation schuf zwar eine neue geistig-moralische Offenheit, aber keine ökonomische Freiheit. Wieso hätte es auch anders sein sollen? Der rheinische Kapitalismus passte den meisten. Denn das System versprach Aufstieg ohne Risiko. Sollten doch Ronald Reagan und Margaret Thatcher Anfang der achtziger Jahre die USA und Großbritannien deregulieren, und mochten selbst die Nachbarn in Holland anfangen, ihr verstaubtes Industrieland zu reformieren: Deutschland führte nach ein bisschen obligatorischem Klassenkampf die 35-Stunden-Woche ein, und die Macher redeten sich ein, das sei mutig.

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Vor allem der Jugend gegenüber war es mutlos. Die wuchs auf in einer sozialen Marktwirtschaft, die zur Machtwirtschaft mutierte. Es schien, als stünde es im Grundgesetz: Der Korporatismus ist unantastbar, die Tarifpartner entscheiden in ihrer eigenen Logik über Wohl und Wehe auf dem Arbeitsmarkt, zwei Hand voll älterer Herren bestimmen in Vorständen und Aufsichtsräten die Geschicke der Deutschland AG. In diese Wirtschaftswelt wuchsen die heute 30- bis 45-Jährigen hinein. Alternativen konnten sie kaum kennen lernen, weil ihre Lehrer, egal, ob rechts oder links, den deutschen Konsens im Klassenzimmer vertraten. Erst viel später sollte die New Economy ihnen eine alternative Erfahrung bereiten. Doch diese Affäre war nur kurz, hitzig und enttäuschend. Deswegen fehlt im Land bis heute die Lust an der ökonomischen Debatte, deswegen wird die Funktionsweise der Marktwirtschaft, werden ihre Dynamik, aber auch ihr übertriebenes Auf und Ab weder hinreichend verstanden noch akzeptiert. Ludwig Erhard könnte sich kaum Gehör verschaffen.

Je größer die wirtschaftlichen Probleme wurden, desto unsozialer wirkten die Grundsätze der Ökonomie. Sie bedrohten den Konsens und signalisierten Veränderung. Doch Deutschland blieb in den achtziger Jahren auf Kurs, während die Welt sich änderte. Kapital, Waren und Menschen rotierten um den Globus, die Zahl der Kinder in der westlichen Welt nahm ab, und die Gesellschaft alterte. Egal, am Ende des Jahrzehnts fiel die Mauer, und die Westdeutschen übertrugen ihr Modell eins zu eins auf den neuen Teil des Landes.

Das war besonders kleinmütig, denn die Wiedervereinigung bot die Chance, westdeutsche Annahmen und Angewohnheiten zu überprüfen. Die ökonomische Wahrheit der Vereinigung lautete: Zur alten Bundesrepublik, die schon von Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung gezeichnet war, kam nun eine schwache Wirtschaft hinzu. Ihre Maschinen waren unbrauchbar, vielen Arbeitskräften fehlten Fähigkeiten und Gewohnheiten, die auf dem Weltmarkt gefordert werden. Wenn die gesamtdeutsche Wirtschaft trotzdem funktionieren sollte, brauchte sie Luft – also zumindest vorübergehend eine größere Ungleichheit der Einkommen, geringere oder mindestens stagnierende Sozialleistungen, flexible Arbeitstarife. Und zwar musste das für alle im vereinigten Land gelten, auch für die Bürger im Westen. Der Fall der Mauer war die Gelegenheit für Wessis, die bis dato verpasste Strukturanpassung auf einen Schlag nachzuholen, und für Ossis, sich den verdienten Wohlstand selbst zu erarbeiten. Nichts davon geschah, weil sich kaum jemand gegen den beide Arme ausbreitenden Helmut Kohl stellen mochte. Und gerade jene, die wie Oskar Lafontaine den Osten nur peu à peu an den Westen heranführen wollten, hatten doch vor allem eines im Sinn: das Modell der alten Bundesrepublik mit seinen fest gefügten Strukturen zu erhalten. Das ist schließlich der gemeinsame Nenner ihrer Generation.

Zum Wirtschaftswunder II hätte die Vereinigung aber nur werden können, wenn der Westen mit dem Osten nochmals aufgebrochen wäre.

Sind die Deutschen faul geworden, wie ihnen nun vorgeworfen wird? Eher denkfaul. Sie haben sich einer Mentalität gefügt, die ihren Wohlstand gefährdet. Das Verteilungsdenken hat sich derart verselbstständigt, dass es auch vor der Arbeit nicht Halt macht. Als Jobs knapp wurden, gab es für die Gewerkschaften in trauriger Zwangsläufigkeit nur eine Antwort: Man muss die Arbeit besser verteilen. Als sei sie eine feste Größe wie Grund und Boden, nicht abhängig von Löhnen, Regulierungen oder dem Mut zur Innovation. Der Irrtum mündete in einen Teufelskreis: Weil die so genannten Tarifpartner die Arbeitszeit reduzierten, den Lohn aber nicht, wurde Arbeit teurer. Folglich stellten die Unternehmen weniger Menschen ein und kauften mehr Maschinen. Diese Reaktion lässt rein rechnerisch die Produktivität steigen, weil pro Arbeitnehmer mehr hergestellt wird. Nun ist aber das Produktivitätswachstum ein entscheidendes Argument in Tarifverhandlungen. Also sind die Löhne gestiegen, sind noch mehr Jobs entfallen, das Wirtschaftswachstum hat nachgelassen, die Sozialbeiträge lasten schwer auf denjenigen, die noch arbeiten – nur die Produktivität steigt weiter.

Ein einzelnes Unternehmen kann Jobs retten, wenn es die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich verringert. In seiner großen Krise ist VW auf unter 30 Stunden gegangen und hat auf diese Weise Tausende von Kündigungen verhindert. Der Trugschluss war es, diese Lösung auf die Volkswirtschaft übertragen zu wollen. Wenn die gesamte Ökonomie derart auf eine Krise reagiert, schaltet sie um von Angriff auf Verteidigung und raubt sich selbst die Wachstumskraft. In keinem europäischen Land ist die durchschnittliche Jahresarbeitszeit geringer als in Deutschland mit seinen rund 1500 Stunden: Die Briten und die Finnen arbeiten etwa 1700 Stunden, die Spanier gar 1800, die Italiener bringen es noch auf 1600 Stunden. Trotzdem leidet Deutschland unter einer besonders niedrigen Beschäftigungsrate, und seit drei Jahren wächst seine Volkswirtschaft langsamer als alle anderen in der EU. Besser gesagt, sie stagniert.

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