grenzgänger Grenze! Welche Grenze?
Wohnen in Deutschland, arbeiten in Holland: Am Niederrhein zeigt sich im Kleinen, wie Europa zusammenwachsen kann
Nur 400 Meter sind es bis in die Niederlande. Dort wurde Ria van Meerwijcks geboren. Doch heute steht sie vor ihrem deutschen Einfamilienhaus. „Jetzt fragen Sie mal, warum ich hierher gezogen bin.“ Sie lässt den Blick über das Niederrheinische schweifen: gelbe Wiesen, Klatschmohn am Ackersaum, sattgrüne Alleen, zwischen denen dunkelrot ein Kirchturm glänzt. Schön. „Es ist wegen des Preises“, sagt Ria van Meerwijcks. Holland ist teuer, sagen die Makler, die immer mehr Häuser im deutschen Grenzland an Niederländer verkaufen.
Von Emden bis kurz vor Aachen das gleiche Bild: Weil sich die Immobilienpreise in den Niederlanden in den vergangenen Jahren verdreifachten, suchen immer mehr Holländer ihr Bauland jenseits der Grenze. Sie fliehen vor Quadratmeterpreisen von mehr als 400 Euro in Zentralholland, von 230 bis 370 Euro in der Grenzstadt Nimwegen. Schon hat sich der niederländische Bevölkerungsanteil in den westlichen Kreisen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in nur zwei Jahren verdoppelt. „Da ist eine kleine Völkerwanderung im Gange“, beobachtet Grenzraumforscher Jan Smit, emeritierter Geograf von der Katholischen Universität Nimwegen.
Immer stärker vermischen sich im Grenzraum die Nationalitäten. Nur noch die Straßenschilder lassen erkennen, durch welches Land man gerade fährt: gelb für Deutschland, blau für die Niederlande. Die frühere Grenze ist durchlässig geworden – und dennoch hakt es. Am Niederrhein erweist sich im Kleinen, welche ökonomischen Chancen in einem Europa ohne Grenzen liegen und wie real dieses Europa schon ist.
„Man kann Holland hier riechen“, sagt Ria van Meerwijcks. Vor dreieinhalb Jahren verkaufte das Paar seinen Bauernhof bei Nijmegen und erwarb 1200 Quadratmeter Land auf dem Dorfhügel von Wyler. Ein Haus im holländischen Stil: weiße Klinker, große Fenster, runde Erker. Von der Haustür blickt man bis in den Garten. Auch die umliegenden Dörfer prägt der neue Baustil.
Nur zehn Minuten fährt Rias Lebensgefährte Arno Martens morgens bis zum Stau des „Knotpunt Arnhem-Nijmegen“. 600000 Menschen leben in dem Ballungsraum, einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen in den Niederlanden. Bis 2015 sollen hier mindestens 30000, vielleicht sogar 100000 neue Arbeitsplätze entstehen, dazu eine Million Quadratmeter Büro- und 1000 Hektar Gewerbeflächen. Die wirtschaftliche Schwäche dämpft zwar die Erwartungen, aber noch immer geht es in den östlichen Niederlanden aufwärts.
„Ich biete das Doppelte“
Verlockende Aussichten für deutsche Grenzstädte wie Kleve und Emmerich: Statt am Rand des Ruhrgebiets vergessen zu werden, könnten sie zum Speckgürtel eines aufstrebenden Wirtschaftsraums werden.
Der tägliche Treck über die Grenze hat schon die fast vergessene 8000-Seelen-Gemeinde Kranenburg westlich von Kleve gerettet. Sie drohte zu vergreisen, doch seit zwei Jahren wächst am Ortsrand eine niederländische Kolonie. Für jeden der 1300 zusätzlichen Einwohner erhält die Gemeinde aus den Schlüsselzuweisungen des Landes 1100 Euro. „Das Potenzial müssen wir nutzen“, fordert Günter Steins, CDU-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat.
- Datum 17.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.07.2003 Nr.30
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