Nationale Vorurteile Fünf neue Urlaubsländer

Als der ehemalige italienische Tourismus-Staatssekretär Stefani die Deutschen als „supernationalistisch“ bezeichnete, als „dickbäuchig“, „lärmend“, „anmaßend“ und „eingebildet“, hatte er natürlich Recht. Er drückte sich nur ungenau aus. Er meinte eigentlich die Ostdeutschen, über die er anscheinend vieles weiß, was hierzulande verheimlicht wird. Was wissen wir im Westen schon über die da drüben? Nichts. Schuld daran ist die Mauer in unseren Köpfen, und die wird von den DDR-Bürgern, die sie errichteten, sorgsam bewacht und gepflegt. Ahnte man im Westen die volle Wahrheit über die Bewohner des Beitrittsgebietes, die Vereinigung würde rückgängig gemacht.

Beweis: Bis heute kenne ich keinen einzigen Ostler persönlich. Man ist also auf vage Gerüchte und haltlose Vermutungen angewiesen, um sich ein Bild zu machen von diesen undankbaren und schlaffen Gesellen, die die Welt noch immer in „Ossis“ und „Wessis“ unterteilen, den lieben langen arbeitsfreien Tag an Tankstellen und vor dem Fernseher verbringen (MDR!), die Selbstmitleid und Sozialneid so liebevoll kultivieren wie die Glatzen auf ihren Köpfen, während sie in geschenktem Wohlstand leben, in Billigmärkten auf der grünen Wiese unsere schönen Solidarbeiträge für Club Cola, Super Illu und F6 verplempern, für Musik von Rammstein und den Prinzen und die in ihrer jüngeren Geschichte nur ein einziges Mal vorne dran waren und dem Westen was voraushatten, nämlich als Thüringen bereits 1930 die erste gewählte Regierung mit NSDAP-Beteiligung bildete.

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Wer, von Westen kommend, auf der A9 nach Osten brettert, diese kurz vor Leipzig verlässt, sich unter Lebensgefahr via Kulkwitz und Knautnaundorf nach Zwenkau wagt (Auto fahrende Sachsen!), der endet am Ortsausgang in einem Kreisverkehr. Davor steht ein Straßenschild. Alle Richtungen sind mit Sackgassenzeichen markiert: Sie führen ins Nichts. Wer sich dennoch weiter ins abgewickelte Braunkohlefördergebiet vorwagt, eine lehmige Auffahrt hochquält und eine verrostete Schranke passiert, bekommt den Schlamassel zu sehen. Er ist riesig, ja gigantisch; eine braune, klumpige, morastige Mondlandschaft, so weit das Auge reicht. Löcher, Kuhlen, Senken, Pfützen und Seen. Hier hatte die DDR damit begonnen, die Beweise ihrer Existenz verschwinden zu lassen.

Hätte man die Leute nicht unterbrochen, sie hätten das Land so hinterlassen, wie wir es vorzufinden wünschten: als ein riesiges planiertes Erschließungsgebiet ohne Altlasten, Plattenbauten und Fabrikruinen. Dort hätte vielleicht sogar ein Signor Stefani mal Urlaub gemacht.

Oliver Maria Schmitt arbeitet als Schriftsteller und als Redakteur der Satirezeitschrift „Titanic“ in Frankfurt am Main

 
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