Sozialstaat Komm, alter Esel

Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann porträtiert den deutschen Sozialstaat und schult das Denken in Alternativen

Eigensinnig. Als eigensinnig gilt der Esel, das störrische Lasttier, das in der Antike Dionysos trug, den Gott der Lust und des Weines, in der biblischen Tradition aber Jesus, den Gottessohn, der um der Mühseligen und Beladenen willen auf die Welt kam.

Eigensinnig, schreibt nun der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann in seiner jüngsten Studie über Varianten des Wohlfahrtsstaats, sei der Sozialstaat. Der hartnäckige Eigensinn, die Ausprägung eines Sozialstaats, schreibt Kaufmann, entsteht „aus der fortgesetzten Wechselwirkung zwischen kulturellen, politisch-sozialen und kulturellen Eigenarten“ eines Landes. Alterssicherung, Familienpolitik, Arbeitsrecht, Wohlstandsverteilung, Gesundheitssystem: all diese Leistungen ruhen auf spezifischen Traditionen. Die muss man kennen, wenn man den Esel bewegen will.

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Das erschöpfte Lasttier, sagen in Europa fast alle, soll sich bewegen. Für eine unersetzliche Stütze hält ihn fast jeder, ein Spitzenmodell, für stur halten ihn in Deutschland viele, weil er Familien kaum trägt, manche meinen, von dem Lasttier ließen sich auch allzu Bequeme mitschleppen. Nur ist der Esel eben erschöpft, weil er eine anspruchsvolle Gesellschaft trägt, die ohne Kinder alt wird und viel zu wenig Arbeit schafft.

Umsteuern!, rufen alle gemeinsam, und jeder zerrt den Esel Sozialstaat in eine andere Richtung.

Moment bitte, sagt Kaufmann, der heute emeritierte 70-jährige Sozialwissenschaftler aus Zü-rich. Er lehrte zuletzt in Bielefeld und ist seit Jahrzehnten so etwas wie ein wissenschaftliches und ethisches Frühwarnsystem: Er hat in seinen Studien schon früh die Überalterung der Gesellschaft beschrieben, hat Standardwerke über die Zukunft der Familie und die Begründung der Sozialpolitik verfasst, aber auch solche, die dem christlichen Glauben in modernen Gesellschaften gelten, über Religion und Modernität, über Theologie in soziologischer Sicht. Man könnte auch sagen: Der Mann versteht etwas von Eseln.

Angst um den Geldwert, Angst vor dem Aussterben

Kaufmanns neuer Untersuchung geht es vor allem um die vergleichende Beschreibung, und zwar vor dem Hintergrund der Konfliktlinien in der europäischen Forschung: Was ist ein Sozialstaat? In den je gesonderten Studien dieses Bandes arbeitet er die Eigenheiten der Wirtschafts- und Sozialpolitiken in der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten heraus, um sie mit denen der westeuropäischen Staaten Großbritannien, Schweden, Frankreich zu vergleichen. Erst dann, wenn der Blick schon irritiert und geweitet ist, fragt Kaufmann: „Und Deutschland?“ Immer bilden die Spezifika der Landeshistorie, die Kaufmann in konzentrierten Kurzporträts skizziert, den Fluchtpunkt der Darstellung.

Ob es um das deutsche Leitbild des Industriearbeiters, die deutsche Angst um die Geldwertstabilität, das Vertrauen in die Rente und die deutsche Staatsfixiertheit geht; oder ob es um die englische Tradition der Arbeiterselbsthilfe, der Armenfürsorge, des local government und des öffentlichen Gesundheitswesens geht; ob um die schwedische Eheauffassung, die Tradition des freien Bauerntums, die breite Volksbildung Schwedens; oder um die französische Angst vor dem Aussterben, das Demokratiedefizit Frankreichs und den Rang der Verwaltung: immer trifft man auf den störrischen Eigensinn einer nationalen Historie, die Institutionen, Regeln, Normen und Ängste hervorgebracht hat. Die politische Klasse ist nur ihr Ausdruck. Diese Untersuchung hätte zu einem Verwirrspiel geraten können. Stattdessen ist ihr die strukturierte Klarheit eines Handbuchs eigen, das sich, vom methodischen Eingangsteil einmal abgesehen, durchgängig spannend liest.

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