Eickelborn

Früher gab es für Peter R.(*) noch ein Draußen, heute nicht mehr. Damals durfte er hin und wieder die psychiatrische Klinik für ein paar Stunden verlassen und in die Welt des Dorfes Eickelborn eintauchen. Zunächst nur mit einem Bewacher, später, weil er sich gut führte, sogar allein. Er hatte die Hoffnung, eines Tages wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Für die volle Freiheit benötigte er das Justiz-Siegel: Nicht mehr gefährlich. Eine Bedingung dafür war, dass Peter R. seine Therapie erfolgreich abschloss. Ein großer Schritt, aber nur ein Schritt. Er hat ihn nie getan.

Warum es nicht dazu gekommen ist, das ist das Ergebnis einer langen, komplexen Geschichte. Sie hat begonnen mit dem Glauben, der Mensch sei grundsätzlich gut. Und sie endete mit der Gewissheit, dass Menschen auch böse sein und für immer bleiben können. Es ist auch die Geschichte des Abschieds von der Vorstellung, dass alle Menschen therapierbar seien und man mithin auch die schlimmsten Verbrecher in die Gesellschaft zurückführen könne. In der Forensischen Psychiatrie in Eickelborn hat man dies gelernt. Es war eine bittere Lektion, ein schmerzhafter Prozess, der bis heute andauert.

"Aus, vorbei", sagt Peter R., "ich bleibe hier! Mich kriegt hier keiner weg! Ich bin gefährlich!" - "Sehr gefährlich!", zischt er. "Nicht mehr behandelbar! Ich muss gefährlich sein! Die Klinik ist meine Welt! Die darf mir keiner nehmen!" Vor ihm liegt ein Stapel von ihm verfasster Geschichten, mit schwarzer Tinte gestochen scharf geschrieben. Sie alle haben ein Thema: das ruhige, geschützte Leben drinnen, die vielen Gefahren draußen.

Peter R. hat vor 23 Jahren ein junges Mädchen ermordet. Er hat sie in die Wohnung seiner Mutter gelockt, wollte sie vergewaltigen, und als das misslang, hat er sie geschlagen, gewürgt, gequält und mit zwei Küchenmessern 48-mal auf sie eingestochen. Es muss für das Mädchen ein entsetzliches Martyrium gewesen sein. "Drei Stunden lang, von 18.15 Uhr bis 21.15 Uhr", sagt Peter R. in schrecklicher Präzision. "Es ging nicht anders! Es war so! Ich musste es tun!"

Der Mord geschah nur wenige Meter von der Anstalt entfernt

Der damals knapp Neunzehnjährige wurde 1980 zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt und anschließend, wie es das Gericht angeordnet hatte, als psychisch kranker Rechtsbrecher für unbestimmte Zeit in ein Krankenhaus eingewiesen. Peter R. ist kein Psychopath. Er ist keiner, der im Wahn gehandelt hat und vielleicht mit Medikamenten geheilt werden könnte. Er ist auch kein Debiler, der seine Triebe nicht steuern kann. Die forensischen Psychiater, Fachärzte für psychisch kranke Straftäter, haben bei ihm eine schwere Persönlichkeitsstörung festgestellt: Eine Diagnose, sagen die Experten, die eher einer allgemeinen Charakterdeutung gleicht und sich in der riesigen Grauzone zwischen krankem und gewöhnlichem kriminellen Verhalten bewegt. Ein Drittel aller Patienten des Westfälischen Zentrums für Forensische Psychiatrie in Eickelborn wird dieser Gruppe zugerechnet, darunter sind besonders viele Mörder und Sexualstraftäter. Für sie gibt es nur eine Chance: Therapie.