Kann man mit falschen Gründen den richtigen Krieg führen? Keine Bio- oder Chemiewaffen im Irak, Geheimdienstmaterial propagandistisch manipuliert, Bush und vor allem Blair in tiefen Vertrauenskrisen – obwohl der Tod der Saddam-Söhne ein großer Erfolg für die Besatzer sein mag, scheint sich die Legitimation des Feldzugs in Luft und Lüge aufzulösen. Wohl dem, der immer schon dagegen war.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Dass Saddam verbotene Waffen besaß, glaubten alle, auch der Bundesnachrichtendienst des friedliebenden Schröder-Deutschlands; dass der Irak damit die Vereinigten Staaten akut bedrohte, konnte niemand glauben. Es war ein schwerer Fehler, von diesem irrealen Angstszenario so viel herzumachen, und die jetzt ertappten Schummler haben ihre Blamage verdient. Doch die wahren Kriegsgründe sind es nicht, die nun entblättert werden.

Die wirkliche Gefahr ist eine mittelfristige gewesen: Das Sanktionsregime zerfiel, unter besonderer Mitschuld der Franzosen und Russen im Sicherheitsrat, und Saddam hätte unweigerlich wieder Bewegungsfreiheit gewonnen, also Geld, Waffen, womöglich auch die Bombe, hinter der er lange her war. Und zweitens konnte der ganze Nahe Osten nicht bleiben, wie er war, mit Saudi-Arabien als janusköpfigem Hauptverbündeten des Westens, mit Unterentwicklung und Autokratie als Wurzeln des Terrors. Der Schlüssel zur Veränderung lag im Irak, und er war nur mit Gewalt zu holen.

Das alles hat nach wie vor Bestand, es ist auch schon vor George W. Bush und dem 11. September 2001 wahr gewesen. Aber erst der Schock des Terrorangriffs machte das militärische Wagnis durchsetzbar, wenngleich tricksend und täuschend, etwa mit den zurechtgebogenen Verbindungslinien zu Osama bin Laden. Kann man mit falschen Gründen den richtigen Krieg führen? Die Betrugsfrage beim Thema Irak weist nicht einfach auf irgendwelche dunklen regierungsamtlichen Machenschaften oder Verschwörungen, sondern auf ein Grundproblem von Außenpolitik in der Demokratie.

Was tun, wenn das Ratsame oder Notwendige als fern liegend erscheint, unpopulär ist, Opfer verlangt? Die Versuchung ist beträchtlich, dem dummen Publikum mit etwas wohlgemeinter Irreführung auf den rechten Weg zu helfen. Es gibt dafür große und historisch sogar gerechtfertigte Vorbilder. Auch Franklin Roosevelt hat nicht mit offenen Karten gespielt, während er auf den Zusammenstoß mit Hitler zusteuerte. Er hat vor seinen amerikanischen Landsleuten noch seinen Friedenswillen beteuert, als er längst zum Kriegseintritt entschlossen war.

Trotzdem bleiben die Übertreibungen und Verzerrungen im Vorfeld des Irak-Kriegs fatal. Gerade wenn Bush und Blair Recht haben, wenn wir also mit dem 11. September und seinen Folgen in einen neuen Weltkonflikt eingetreten sind, kommt es auf Klarheit und Wahrheit an, auf eine ehrliche Selbstverständigung der westlichen Gesellschaften und der internationalen Öffentlichkeit über ihre Lage, ihre Ziele und Optionen. Wer wird noch einmal einem "Präventivschlag" zustimmen, wenn er gewärtigen muss, dass die Geheimdienstinformationen über die Bedrohung schlampig recherchiert oder mit Fleiß verdreht worden sind? Man kann mit falschen Gründen den richtigen Krieg führen. Aber nur einmal. Wer damit rechnet, dass dergleichen wieder notwendig wird, muss es mit der Wahrheit versuchen, so schwer das auch fallen mag.

Schritt zur Selbstbestimmung

Am Ende freilich ist es nicht seine Vorgeschichte, die über Recht oder Unrecht des Krieges entscheiden wird. Es sind seine Ergebnisse – und die Iraker selbst. Alle Welt starrt auf das Macht- und Meinungsgeschiebe in Washington und London, während das wirklich Wichtige in Bagdad geschieht, wo jetzt ein irakischer Regierungsrat am Werk ist – nicht gewählt, mit begrenztem Einfluss, doch immerhin leidlich repräsentativ, ein erster Schritt zur Selbstbestimmung des Volkes.