Theo Waigels Comeback ist knapp gescheitert, die Ehe von Berti Vogts liegt in Trümmern, und der Kanzler weiß nicht, was er im Urlaub lesen soll. Keine Frage, Deutschland braucht wieder Visionen. Eine erscheint uns in diesen Tagen in Celeste. Kurz vor dem Finale der Tour de France liegt der deutsche Radprofi Jan Ullrich auf Platz zwei der Gesamtwertung, vom Spitzenreiter Lance Armstrong trennen ihn nur gut 60 Sekunden.

Wer sich in Deutschland von Berufs wegen um Visionen kümmert, sollte Ullrichs Karriere aufmerksam studieren: Nach einem Aufstieg in die High-Tech-Welt (Telekom!) und einem Abstieg in deren Versuchungen (Techno-Drogen), hat sich der Mann auf die Werte der Old Economy besonnen. Er arbeitet mehr als 14 Stunden am Tag, hat die Pleite seines zwischenzeitlichen Arbeitgebers und die vorübergehende Arbeitslosigkeit überwunden und bietet nun - geboren in der früheren DDR - den Amerikanern (Armstrong!) auf einer italienischen(!)

Rennmaschine die Stirn.

Eine "Ich-AG", wie sie im deutschen Reformbuch 2003 steht.

Selbst wenn Ullrich am Sonntag in Paris nicht als Sieger durchs Ziel fährt, hat er uns eines gelehrt: Deutschland braucht keinen Ruck, es reicht, wenn man gleichmäßig aufs Tempo drückt, ein loyales Team um sich hat und die Konkurrenz niemals aus den Augen lässt. Ein "Sportler des Jahres"? Ein Unternehmer des Jahres!