Es war der längste Antrag, den Michelle Coupland je gestellt hatte. Allein das Ausdrucken dauerte acht Stunden. Zwischendurch versagte der Drucker. Am Abend reichte der Papierstapel bis zum Knie. Sie packte alles in einen Karton und brachte das Paket in die Poststelle des Imperial College in London. Empfänger: Higher Education Funding Council for England, kurz Hefce, was Coupland manchmal "Häfkie" und manchmal "Häfzie" ausspricht.

Den Uni-TÜV Hefce kennt an britischen Universitäten jeder. Alle fünf bis sechs Jahre organisiert die Förderorganisation eine akribische Qualitätskontrolle der 160 Hochschulen im Land, die Research Assessment Exercise (RAE). Die letzte Evaluation war 2001, die nächste kommt 2007. In dem einjährigen Mammutverfahren prüfen Experten die Forschungsqualität der Hochschulen in fast siebzig Fächern. Michelle Coupland formuliert für das Imperial College den Antrag zu Händen der Evaluierer und bündelt die Einzelanträge der Fachbereiche. Für sie ist das ein Full-Time-Job, für 50000 britische Professoren ein bürokratisches Ärgernis – und für die Universitäten eine Zitterpartie. Denn am Ende veröffentlicht das Hefce Noten. Von ihnen hängt ab, wer Geld bekommt und wer leer ausgeht.

Im schlimmsten Fall droht den Verlierern die Schließung

Großbritannien steht heute da, wo Deutschland in zehn Jahren stehen könnte. Während hierzulande zaghaft über mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen nachgedacht wird, haben die Briten fast 20 Jahre Erfahrung mit Evaluation und Wettbewerb in Forschung und Lehre. In Deutschland bezahlen Bund und Länder den Universitäten die Infrastruktur und den Professoren die Gehälter. In Großbritannien wird jeder Penny nach einem Begutachtungsverfahren vergeben. Schottland, Wales und Nordirland haben für die Verteilung der Gelder eigene Funding Councils, die Evaluation wird jedoch zentral vom Hefce organisiert. An den englischen Hochschulen stammt ein Drittel aller Forschungsgelder vom Hefce – in diesem Jahr gut eine Milliarde Pfund. Davon werden Mikroskope, Bücher, Hörsäle und sogar Gehälter finanziert. Im schlimmsten Fall muss ein Fachbereich Personal entlassen oder komplett schließen, weil die Noten der letzten Begutachtung mangelhaft waren.

Als die Ergebnisse der jüngsten Evaluation bekannt gegeben wurden, knallten am Imperial College die Sektkorken. Zahlreiche Fachbereiche, darunter Physik, Biologie, Chemie und Ingenieurwissenschaften, hatten sich im Vergleich zum vorangegangenen Ranking jeweils um eine Note verbessert und die Höchstnote erzielt – eine Fünf mit Sternchen (5*), was in der Notenskala des Hefce bedeutet: Mindestens die Hälfte der Forschung kann international konkurrieren, der Rest spielt auf nationalem Niveau in der obersten Liga. In der Gesamtwertung war die Hochschule von Platz vier auf Platz zwei vorgerückt. Nur Cambridge war noch besser. Was die Londoner am meisten freute: Imperial hatte sich vor die Universität Oxford geschoben, die auf den dritten Platz abgerutscht war. Der Aufstieg war mehr als ein Prestigegewinn: Statt 56 Millionen englische Pfund würde das Imperial College im folgenden Jahr 61 Millionen Pfund aus dem Forschungstopf des Hefce bekommen.

Bei Tim Jones reichte die Party für einen Kater am nächsten Morgen. Der drahtige Chemieprofessor mit den hochgegelten Haaren hatte für seinen Fachbereich die Bewerbung verfasst. "Ich weiß auch nicht, warum die Wahl auf mich fiel", sagt Jones, "ich hatte mich nicht freiwillig gemeldet." Von vierzig Kollegen musste er Forschungsergebnisse einsammeln: Tabellen mit Publikationen, Forschungspreisen, Gastvorträgen auf Konferenzen, Kapiteln in Büchern, Forschungsgeldern aus der Industrie. "Professoren sind leider nicht besonders gut im Buchhalten", seufzt Jones. Jeden Kollegen kostete die RAE mehrere Tage Arbeit. Jones verabschiedete sich anschließend für vier Monate aus der Forschung. So lange brauchte er, um das Material zu sichten und eine 15-seitige Selbstdarstellung des Fachbereichs zu schreiben. Er musste die Gutachter davon überzeugen, dass die Chemiker am Imperial College eine Vision haben. Für seinen Fachbereich standen 3,5 Millionen Pfund auf dem Spiel.

"Die RAE ist eine bürokratische Schikane, die Unmengen an Zeit verschlingt", schimpft Jones, "aber sie muss sein." Sie habe es dem Forschungssystem ermöglicht, die starken und die schwachen Bereiche zu identifizieren. Über den Aufwand stöhnen die meisten. Das Verfahren kostet die Universitäten insgesamt 25 bis 30 Millionen Pfund, das Hefce veranschlagt 5 Millionen an Projektkosten. Dennoch findet man in Großbritanniens Forschung kaum jemanden, der den nationalen Vergleich rundherum ablehnt. Selbst ein Kritiker wie Peter Cotgreave von der naturwissenschaftlichen Lobbyorganisation Save British Science bemängelt zwar, dass die RAE nicht brillante Querköpfe, sondern "solide Forschung in sicheren Gebieten belohnt", doch auch er weiß keine Alternative. "Ich würde gerne weniger Bürokratie haben, aber irgendwie müssen wir ja entscheiden, wer wie viel Geld bekommt." Das deutsche Gießkannenprinzip lehnen die Briten ab.

Seit der ersten Evaluation im Jahr 1986 hat es vier weitere gegeben. Die Zahlen sprechen dafür, dass die britische Forschung davon profitiert hat. Die Zahl der Wissenschaftler, die in einer 5*-Fakultät arbeiten, stieg zwischen 1992 und 2001 von 23 auf 55 Prozent aller bewerteten Wissenschaftler. Ein objektiveres, wenn auch nicht unumstrittenes Qualitätskriterium ist die Häufigkeit, mit der Veröffentlichungen von britischen Forschern von Kollegen in aller Welt zitiert werden. Sie lag 1986 20 Prozent über dem weltweiten Durchschnitt, im Jahr 2000 knapp 40 Prozent. Gemessen an Zitationen im Vergleich zum investierten Geld liegen die Briten sogar auf Platz eins.