London

Wo immer Tony Blair auf seiner Reise nach Amerika und Asien dem Flugzeug entstieg, holte ihn sogleich die harsche heimische Realität ein. Ob er "Blut an den Händen" habe, fragte ein britischer Reporter den Premier, nachdem die Nachricht vom Tode des Regierungsberaters David Kelly um die Welt geeilt war. Blairs Gesicht spiegelte seinen seelischen Zustand wider. Aufgewühlt, verunsichert und tief betroffen mahnte er, alle Seiten mögen bis zum Ende der Untersuchung Zurückhaltung üben.

Niemand tat ihm den Gefallen, nicht einmal seine chinesischen Gastgeber. Die staatlich gelenkte Presse des Landes walzte genüsslich die Schwierigkeiten des britischen Gastes aus; Studenten in Peking wollten vom Premier der Briten Genaueres über jenes "dodgy dossier" wissen, in das seine Beamten ohne Quellenangabe einige Seiten einer Doktorarbeit aus dem Internet gehoben hatten. Blair litt unter ebenjenem globalen Informationsnetz, dessen Heil für die Menschheit er immer wieder in glühenden Farben geschildert hat. Ein Regierungschef in Nöten findet nirgends mehr einen Ort, an dem er heimischem Ungemach entkommen könnte. Beifall und Lobpreis, mit denen er in Washington so reichlich bedacht worden war, mögen ihm höchstens noch wie ein schöner Traum vorkommen.

Der Selbstmord des Wissenschaftlers David Kelly ist eine Tragödie, die auch auf Blair zurückschlagen könnte. Der Tod des 59-jährigen Experten für biologische Waffensysteme löste ein politisches Erdbeben aus, das die Fundamente von zwei der mächtigsten nationalen Institutionen Großbritanniens erschüttert hat: der BBC, des großen Vorbildes für alle öffentlich-rechtlichen Sender der Welt, und der Regierung Blair, die vor sechs Jahren ausgezogen war, die europäische Sozialdemokratie auf den Pfad revisionistischer Tugend zu führen. Die medialen Beschwörungen seines bevorstehenden Endes, die Anfang der Woche durch Europas Blätterwald geisterten, sind verfrüht; sie sagen weniger über die Zukunft Blairs als über die Neigung der vierten Gewalt aus, sich von kurzatmiger Hysterie erfassen zu lassen. Das heißt jedoch nicht, dass der Prophet des Dritten Weges nicht von kräftigen Turbulenzen geschüttelt würde. Blair geht durch die schwerste Krise seiner Amtszeit.

Seine Glaubwürdigkeit ist durch die zweifelhaften Begründungen für den Waffengang und die unauffindbaren Massenvernichtungswaffen weiter erodiert. Angekratzt war sein Ruf als ehrliche Haut schon lange zuvor. Dieses Schicksal war auch jedem seiner Vorgänger beschieden. Die allerdings dürften sich die Finger geleckt haben nach den Umfragewerten, die Labour und Blair selbst in einer Zeit noch beschieden sind, in der bereits Artikel über "Aufstieg und Fall des Tony Blair" erscheinen. Trotz aller Nackenschläge und Schwierigkeiten lag Labour zu Beginn dieser Woche um einige Prozentpunkte vor den Konservativen.

Tony Blairs Widersacher in Medien und Politik wittern freilich erstmals eine realistische Chance, ihn vielleicht dennoch loszuwerden. Die Hatz der Journalisten auf den Premier weist Parallelen zu Bill Clintons Schicksal auf. Blair ist ein bisschen wie Clinton ohne Sex. Die Eigenschaften, die es dem ehemaligen US-Präsidenten ermöglichten, die Dominanz der Rechten in Amerika zu brechen, also ideologische Flexibilität und die rhetorische wie intellektuelle Beherrschung der großen politischen Themen, machten ihn auf Dauer auch einem Teil des eigenen Lagers suspekt. Als die rechte Presse eine Kampagne anzettelte, um Clinton zu diskreditieren und abzuschießen, jagten die liberalen Medien, die einen traditionelleren Demokraten gestützt hätten, entweder mit der Meute oder standen abwartend dabei.

Der Tod Kellys schuf in Britannien eine ähnlich fiebrige Atmosphäre. Das Urteil über die Regierung schien gesprochen, noch bevor Lord Hutton, der von Blair an die Spitze einer unabhängigen Untersuchungskommission berufen wurde, mit seinen Ermittlungen über die Hintergründe des Selbstmordes begonnen hatte. Doch sind Kellys Tod und der Irak-Krieg eher Anlässe denn die tieferen Gründe für die Feindseligkeit der Medien.

Seit geraumer Zeit schon wird von links wie rechts auf die Regierung Blair eingedroschen. Das ist offenbar eine Bürde, die eine Regierung zu tragen hat, die auf dem Pfad der Mitte wandelt und sich ungeniert rechter wie linker Rezepte bedient. Das linksliberale Milieu und seine Gazetten hatten Blairs pragmatisch-entideologisierte Politik von Beginn an abgelehnt. Dieser Premier steht für alles, was es verachtet: Patriotismus, Religiosität und eine erklärte Vorliebe für intakte Familien; schlimmer noch, Blair beraubte die Linke "ihrer" Partei, als er Labour mit der Abschaffung der Clause 4 über Verstaatlichung endgültig den Sozialismus austrieb und zum Frieden mit Marktprinzip und Unternehmertum zwang. Seine Entscheidung, an der Seite von George Bush in den Krieg zu ziehen, brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Schwelende Abneigung schlug in offenen Hass um. Seither wird Blair mal als fundamentalistischer Gotteskrieger vorgeführt, mal zum ausgerasteten Psychopathen erklärt.