Kinder können grausam sein. Willbauch nannten wir ihn, im Gegensatz zu seinem Namensvetter Willbein, der humpelte. Wilhelm Will war mein Deutschlehrer, als ich ins Rheingaugymnasium nach Geisenheim am Rhein überwechselte. Er war ziemlich klein, sehr dick, hatte ein rundliches, fröhliches Gesicht und fleischige Hände. Das kam daher, dass er gern gut und reichlich aß und dem Wein zusprach.

Herr Will liebte die Landschaft des Rheingaus, jenes gottbegnadeten Landstriches zwischen Wiesbaden und Rüdesheim, wo sich der große Strom, von Süden kommend, jäh gen Westen wendet, um sich vor dem Durchbruch durchs Rheinische Schiefergebirge zu einem veritablen See aufzustauen. Hier, an den prall nach Süden gerichteten Flanken des Rheingaugebirges, wächst der Riesling wie nirgends sonst. Herr Will liebte diesen Landstrich, und er liebte sein Schöppchen Riesling. Fast sah er aus wie einer dieser trinkenden Mönche, die es in den Kitschläden an der Rüdesheimer Drosselgasse zu kaufen gibt. Der Vergleich mit dem Mönch ist auch aus einem anderen Grund nicht gar so weit hergeholt. Denn Will war ein gläubiger Mensch. Er wollte einmal Priester werden, ging dann aber schließlich in den Schuldienst. Deutsch, Religion, Philosophie. Er blieb tief religiös.

Anfangs lachten wir über ihn, wenn er in seinen quietschbunten Oberhemden zum Unterricht anrollte. Sein hintergründiger Humor, seine kauzige Art waren schwer verdaulich für uns Kinder. Manchmal schien es uns, als spräche er in Rätseln. Wie feixten über den sonderbaren, zuweilen aus Ungeduld aufbrausenden Mann. Wenn er mit schwer lesbarer Kreideschrift seine Themen für die Hausaufgaben an die Tafel schrieb, verdrehten wir die Augen. Einmal trug Herr Will seinen Schülerinnen und Schülern auf, ein Gedicht zu schreiben. Thema: Mein Feind, der Nebel. Andere Lehrer forderten ihre Eleven auf, mit schönen Ferienerlebnissen geläufige Schriftlichkeit zu demonstrieren. Herr Will aber wollte keine schönen Ferienerlebnisse. Das ödete ihn an. Alles Konventionelle ödete ihn an. Er wollte, dass seine Schüler ihre Fantasie fliegen lassen.

Widerstrebend folgten wir dem Mann auf seinen unvorhersehbaren Geistesexkursionen. Oft verstanden wir ihn nicht. Das Verständnis wuchs nur langsam, peu à peu. Sein Philosophiekurs in der Oberstufe galt als Kultveranstaltung. Auch hier traktierte er uns nicht mit dem nur Nachvollziehen, Auswendiglernen. Er wollte, dass wir selbst philosophieren. Er wollte uns an die Grenzen des Denkens und Glaubens führen. "Wenn du begreifst, ist es nicht Gott", war einer seiner Sätze. Sätze, die in Erinnerung bleiben.

Manchmal endeten die Exerzitien nicht mit dem Gebimmel der Schulglocke. Ab und an lud er Schüler, die er mochte, oder auch schon mal einen ganzen Kurs, zu sich nach Hause ein. Dann wurden wir von ihm asiatisch bekocht. Scharf wie seine Gedanken waren diese Speisen, zu denen reichlich der Wein floss. Dann wurde weiter diskutiert und philosophiert. In späteren Jahren stieß auch seine Frau hinzu, die der langjährige Junggeselle irgendwann überraschend geheiratet hatte – eine frühere Ordensschwester. Alles war erlaubt an diesen Abenden, nur keine hohlen Phrasen. "Geschwätz ist trostlos. Große Worte werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Man kann Gott nur mit kleinen Worten ehren." Auch so ein Will-Aphorismus.

Eigentlich war Herr Will wohl zu schade für die Schule und die vielen Halbwüchsigen, die ihm auf seinen Wegen zuweilen nur schwer folgen konnten. Man hätte ihn sich vielleicht wirklich besser als katholischen Pfarrer im Rheingau vorstellen können. Mit einem schönen Pfarrweingut selbstredend. Vielleicht auch als Privatgelehrten oder als Antiquar (Herr Will sammelte leidenschaftlich Bücher, vor allem Trivialliteratur). Andererseits: Einen besseren Lehrer hätten wir uns nicht wünschen können. Wer weiß, welche Saiten noch nachschwingen, die er vor vielen Jahren in uns angestoßen hat.