Die Frau vom Arbeitsamt schaute den habilitierten Philosophen mit großen Augen an: Wie, er lehrt an der Uni und bekommt dafür kein Geld? Wirklich kein Geld? "Das gibt’s doch gar nicht!"

Doch der Philosoph nickte. Der Gang aufs Arbeitsamt war in seiner Lebensplanung eigentlich nicht vorgesehen. Er wollte auf einem Lehrstuhl sitzen – mit Besoldungsgruppe C4, 5000 Euro im Monat, Sekretärin, wissenschaftlichem Personal, Studenten fürs Kopieren.

Er hatte promoviert und später über Heidegger habilitiert. Für die FAZ und die Neue Zürcher Zeitung schrieb er Buchrezensionen, war Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl in Karlsruhe und schmiss Lehrveranstaltungen, die er nicht Vorlesungen nennen durfte.

Auch in diesem Sommersemester stand er, nunmehr 55 Jahre alt, vier Stunden pro Woche in Raum 2.501 der Frankfurter Uni. Doch für seine Veranstaltungen Lévinas – Jenseits des Seins und Der Philosoph und die Macht sieht er keinen Cent. Keinen einzigen.

Der Philosoph, Dr. phil. habil. Christoph Freiherr von Wolzogen, ist PD. Diese Abkürzung steht schon lange nicht mehr allein für Privatdozent. Sondern für ein stetig wachsendes Proletariat der Denker. Sie haben promoviert, sich habilitiert, ihr Ziel ist die Professur, das bleibt allzu oft unerreicht. Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der Privatdozenten und außerplanmäßigen Professoren in zehn Jahren mehr als verdoppelt: von 2100 im Jahr 1992 auf 4500 im vorvergangenen Jahr. Das liegt zwar auch daran, dass Ende 1998 die Datenübertragung zwischen Hochschulen und statistischen Ämtern verbessert wurde; aber selbst nach dem neuen System stieg die Zahl der Dozenten von 1999 bis 2001 rasant – von 4000 auf 4500. Dennoch existiert "eine Untererfassung", wie es bei den Statistikern heißt. Im Klartext: Die Dunkelziffer ist hoch.

Manche Privatdozenten stehen in der Warteschleife für einen Lehrstuhl, andere haben hoch bezahlte Alltagsjobs in Kliniken und Forschungslabors; doch viele lehren schlicht umsonst. Wie viele genau, wisse man nicht, berichtet Michael Hartmer, der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes. "Es sind Heerscharen, die akademische Zwangsarbeit leisten."

Manchen ist das peinlich. "Ich will nicht darüber reden", sagt etwa eine Kulturwissenschaftlerin an einer süddeutschen Universität, "die Öffentlichkeit schadet nur."