Noch streitet die Welt über die Fehler westlicher Politik im Irak. Gut möglich, dass ihre folgenreichsten Irrwege in diesen Tagen woanders begangen werden: Fast zeitgleich blasen Brüssel, Washington und Tokyo zum Handelsstreit mit China. Die alten Industriemächte wollen die aufstrebende Volksrepublik zwingen, ihre Währung aufzuwerten. Dabei riskieren sie einen Handelskonflikt, noch bevor das Schwellenland China überhaupt eine Chance hatte, sich den Gesetzen der Weltwirtschaft anzupassen, die es mit seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation akzeptiert hat.

Die Vorwürfe gegen Peking liegen auf der Hand. Das Außenhandelsdefizit der USA mit China belief sich im vergangenen Jahr auf 103 Milliarden Dollar, das der EU auf 40 Milliarden Dollar, Tendenz stark ansteigend. Den großen Wirtschaftsnationen geht es schlecht, nur China boomt. Weltweit ziehen Regierungen und Zentralbanken alle Hebel, um die Konjunktur zu beleben - nur China verschanzt sich hinter einem festen Wechselkurs zum Dollar. Wozu aber hatten die G-7-Staaten den chinesischen Staatschef Hu Jintao in diesem Jahr erstmals zum Weltwirtschaftsgipfel nach Evian eingeladen? Natürlich, damit er seinen Teil zum Ausgleich der defizitären amerikanischen Leistungsbilanz beiträgt, unter der alle leiden. Doch Hu wehrt sich: Er lässt den Yuan nicht aufwerten und stattdessen Devisenreserven von mittlerweile 340 Milliarden Dollar horten.

Wim Duisenberg, der Präsident der Europäischen Zentralbank, und Alan Greenspan, der amerikanische Notenbankchef, sind verärgert. Das könnte durchaus als Kompliment an China verstanden werden: Zum ersten Mal ist den beiden obersten Währungshütern des Westens die Pekinger Finanzpolitik überhaupt wichtig genug, um sie öffentlich zu kritisieren. Doch die Herren meinen es bitterernst: Greenspan bezeichnete es als "zunehmend offensichtlich", dass China den Wechselkurs des Yuan in Zukunft freigeben müsse. Zumal man in Peking "intellektuell genug" sei, das selbst zu begreifen. So aber lässt sich die Kommunistische Partei nicht gern vorführen.

Duisenberg ging die Sache noch direkter an: Die Dollarbindung des Yuan sei eine der größten Gefahren für die Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft.

China müsse die Bindung an einen sinkenden Dollar aufgeben. Sonst, so legte EU-Kommissionschef Romano Prodi vergangenen Freitag nach, sei in Europa mit einer "Welle des Protektionismus" zu rechnen.

Wogegen aber soll sich diese Welle richten? Gegen adidas-Turnschuhe und Plastikspielzeug? Es ist schon erstaunlich, wie schnell China seinen Weg von der entwicklungsbedürftigen Maus zum handelstüchtigen Elefanten durchgemacht hat.

Manch China-Reisender wird sich noch an gar nicht so weit zurückliegende Zeiten erinnern, in denen Ausländer in der Volksrepublik mit einer eigens für sie gedruckten Währung zahlten. Bis vor gut zehn Jahren war das so, weil jeder dachte, der Yuan sei nichts wert. Heute sind die Schwarztauscher, die ausländischen Touristen in China auf Schritt und Tritt folgten, allesamt verschwunden. Stattdessen prophezeit das Wall Street Journal dem chinesischen "Volksgeld" eine "potenzielle Rolle als Währung für ganz Asien". Und das seriöse Hongkonger Nachrichten-Magazin Far Eastern Economic Review feiert den Yuan bereits als "neuen asiatischen Dollar". Tatsächlich kann man in Hongkong, das mit dem Hongkong-Dollar über eine eigenständige Währung verfügt, inzwischen auch mit Yuan bezahlen. Insgesamt befinden sich außerhalb Chinas Yuan im Wert von umgerechnet 3,5 Milliarden Euro im Umlauf - ein Zeichen für die neue Attraktivität einer Währung, die bislang niemand einwechseln wollte. Schon ist vom "Yuan-Fieber" die Rede - wofür nicht zuletzt Greenspan und Duisenberg sorgen.