Hopkinton, New Hampshire

Howard Dean ist immer dann am besten, wenn er in Rage gerät. Was geschieht, sobald er über George Bush spricht. "Ihr wollt wissen, warum ich Präsident werden will?" Die Halsadern schwellen an, die Faust reckt sich gen Himmel. "Weil ich gegen Extremismus bin." Ein Raunen geht durch die Menge, als fragten sich die Zuhörer: Hat er das wirklich gesagt? Derart direkt, derart brachial? Ja, hat er. Der traut sich was! Der Kandidat fährt fort. Die Ärmel sind hochgekrempelt. Breitbeinig steht er da, ein Kraftpaket, war früher Ringer. "Unser Land ist viel zu weit nach rechts gerückt, auch meine eigene Partei. Die hat sich vor fundamentalistischen Predigern und rechten Fernsehsendern verkrochen. Wir müssen wieder stolz darauf sein, wer wir sind. Wir müssen endlich aufhören, Bush schlagen zu wollen, indem wir versuchen, so zu sein wie er." Wieder ein Raunen, nein, ein anschwellendes Grollen. Fürwahr, der traut sich was, dieser Dean!

Es ist ein milder Juliabend in New Hampshire. Hopkinton heißt das Dorf, ein zauberhafter neuenglischer Flecken. Howard Dean ist zu einer politischen Hausparty eingeladen. Eine derart beschauliche und persönliche Variante großer Politik gibt es nur in Iowa und im winzigen New Hampshire, wo für die Herausforderer des Präsidenten alle vier Jahre die Serie der Vorwahlen beginnt. Was die Wähler hier in einem halben Jahr entscheiden, wird ausstrahlen aufs ganze Land. Neun Herausforderer haben die Demokraten aufgeboten, aber dieser hier, Howard Dean, ist der Mann der Stunde.

Der Kandidat, der aus dem Nichts kam, ist der erste, der sich radikal als Anti-Bushist gibt und deshalb der einzige, der Neugier weckt. Niemand hat so viel Wahlkampfspenden einsammeln können. Seine Umfrageergebnisse verbessern sich sprunghaft. Deans Aufstieg zeigt, dass sich etwas tut an der Basis. Ärger und Scham über George Bush wachsen.

Mit 45 Besuchern hatte die Gastgeberin in Hopkinton gerechnet. Am Tag der Hausparty dämmert ihr, dass es 90 werden könnten. Sie verlegt die Veranstaltung aus dem Wohnzimmer in den Garten. Das ist gut so, denn als Dean aus einem abgedunkelten Chevrolet steigt, in der Hand – noch nicht ganz präsidentiell – eine Plastiktüte, da stehen 200 Besucher auf ihrem Rasen. Ein Spalier bildet sich. Flüchtige Gespräche. Man kennt sich. Vermont, wo Dean elf Jahre lang Gouverneur war, ist nicht weit. An der Haustür, neben dem Lilienbeet, steht das Mikrofon. Dahinter ein Podest, denn der Kandidat ist zwar ein Kraftpaket, aber auch ziemlich klein.

Nur ein paar Sätze, und Dean ist dort, wo ihn seine Zuhörer am liebsten haben: im Irak. Denn jener Teil der Parteibasis, die im Garten vertreten ist – weiß, gebildet, nicht ganz arm – war überwiegend gegen den Krieg. Und Dean war der Einzige unter den führenden Kandidaten, der ihnen eine Stimme gab. Er war es, der die Angststarre der Demokraten überwand und Kritik an der Außenpolitik George Bushs weder für schädlich noch für unpatriotisch hielt. Nun fährt Dean die Ernte ein. "Massenvernichtungswaffen?", fragt er. "Ja, wo sind sie denn?" Kopfnicken. "Eine Untersuchung des Niger-Skandals muss her." Applaus. "Ich habe fünfzig Länder bereist", ruft Dean, "mehr als der Präsident nach dem Ende seiner Amtszeit. Meine Erfahrung sagt mir: Die Welt ist eine Gemeinschaft. Und was tut dieser Präsident? Er macht konstruktive Einmischung, Gespräch, Verhandlung zu Schimpfwörtern. Sobald ich Präsident bin, wird Amerika wieder zu einer kooperativen Außenpolitik zurückkehren." Das kommt an im Garten. Bushs Weltsicht gilt dem linksliberalen Parteivolk als Beleidigung. Was andere von Amerika denken, ist hier nicht egal. Wieder wird Dean von Applaus unterbrochen, als er sagt: "Andere Völker sollen uns vertrauen, nicht fürchten."

In Europa würden sie ihn lieben für solche Sätze. Aber kann er damit in Amerika Präsident werden? Als hätte er den Einwand gehört, kontert Dean: "Einen Birkenstock-Gouverneur schimpfen sie mich. Dieser Quatsch zeigt doch nur, wie weit Amerika nach rechts gedriftet ist." Deans Repertoire enthält ein paar Klassiker. Das Ziel der Krankenversicherung für alle. Die Behauptung, die Konzerne hielten den kleinen Mann im Würgegriff. Das Bekenntnis, keine Steuersenkungen für Superreiche zuzulassen. Die Forderung, erneuerbare Energien zu fördern. Die Vision, eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle einzuführen. Wird man damit in Amerika schon zum Linksaußen, also unwählbar?

Wer in Burlington nachfragt, wo Dean Arzt war, der hört eine andere, sehr amerikanische Geschichte – jene der taktisch motivierten Neuerfindung des Individuums. Als sich Howard Dean, aus einer reichen New Yorker Bankiersfamilie stammend, in den siebziger Jahren in Vermont niederlässt, ist er gänzlich unpolitisch. Er mischt sich erstmals ein, als es gilt, einen Fahrradweg durchzusetzen. Das reicht im ländlichen Vermont schon, um als politisches Talent aufzufallen. Dean wird erst ins Staatsparlament gewählt, dann zum stellvertretenden Gouverneur. Bis eines Tages im Frühjahr 1991 – Dean spricht gerade mit einem Patienten – ein Anruf aus dem Büro des Gouverneurs durchgestellt wird: Der Chef sei eben gestorben, und er, Dean, müsse die Nachfolge antreten.