Die Wehrpflicht muss bleiben, der Zivildienst erweitert werden

Zurzeit überschwemmen Tausende von E-Mails die Internet-Adressen deutscher Politiker aller Parteien. Die mehrheitlich jungen Absender fordern entschieden: "Ende der Wehrpflicht jetzt!" Sie beziehen damit Position in einer Diskussion, an deren Ende eine Erfolgsstory der Bundesrepublik zu Grabe getragen werden könnte: die Erfolgsgeschichte der Wehrpflichtigenarmee Bundeswehr – der ersten demokratischen Armee in Deutschland.

Die allgemeine Wehrpflicht hat diese Bundeswehr geprägt. Sie hat Transparenz, Durchlässigkeit und den Staatsbürger in Uniform geschaffen. Und sie hat die Sensibilität für den Einsatz der Bundeswehr geschärft. Berufsarmeen lassen sich leichter in den Krieg schicken. Wir sollten stolz darauf sein, dass wir es uns damit schwer machen.

Warum also diese Erfolgsstory beenden? Natürlich können die neuen sicherheitspolitischen Aufgaben Deutschlands auch mit einer Berufsarmee erfüllt werden. Aber die heimlichen Gründe für die Abschaffung der Wehr- und damit auch Zivildienstpflicht liegen abseits militär- oder sicherheitspolitischer Diskussionen.

Wenn junge Menschen engagiert fragen: "Wieso klaut uns der Staat ein Jahr unseres Lebens?", dann wird klar, dass es um eine neue Verständigung über unser Gemeinwesen geht. Offenbar ist "der Staat" endgültig zu etwas geworden, dem der Einzelne fremd gegenübersteht. Der Gedanke, dass "unser Staat", der – so unvollkommen er in vielerlei Hinsicht auch sein mag – doch nichts anderes ist als die demokratische Organisationsform unseres Gemeinwesens, kommt immer weniger Menschen in den Sinn.

Jede soziale und demokratische Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen nicht nur ihre persönlichen Lebensziele verfolgen, sondern auch bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen – und das heißt auch: für ihren Staat. Die Bundesrepublik Deutschland ist nämlich kein abstraktes Gegenüber, an das man Steuern zahlt und das Leistungen zu erbringen hat, die man beliebig bestellen oder abbestellen kann.

Zu dieser Verantwortung für den Staat zählen auch die Wehrpflicht und der zivile Ersatzdienst. Gegen sie richtet sich jetzt der durchaus gewichtige Einwand fehlender Wehrgerechtigkeit. Nur noch ein Teil der jungen Erwachsenen wird heute zu einem der beiden Dienste herangezogen.

Aber statt den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und die Wehrpflicht abzuschaffen, gibt es auch eine Alternative: Wir brauchen einen neuen Aufbruch für Gemeinsinn. Wer nicht zum Wehr- oder Zivildienst einberufen wird, engagiert sich ein Jahr für andere Menschen. Im Ausland, in der Entwicklungshilfe. Im Inland in Vereinen, im Sport, in Kultur- und Umweltgruppen oder in der Nachbarschaftshilfe und in der Kinder- und Jugendbetreuung. Viele neue Aufgaben könnten wir durch einen solchen Gemeinschaftsdienst endlich anpacken: Die Öffnungszeiten in Kindertagesstätten und Horten könnten so gestaltet werden, dass vor allem auch Frauen eine echte Chance auf Berufstätigkeit haben; die Hausaufgabenhilfe und Freizeitangebote in Ganztagsschulen könnten gesichert werden; Familien mit Behinderten oder Pflegebedürftigen könnten entlastet und älteren Menschen im Stadtteil könnte geholfen werden.