Pretty Woman-Nacht in München. Das tapfere Schneiderlein Rudolph Moshammer kommt die paar Schritte von der Maximilianstraße zum Münchner Nationaltheater mal wieder im Rolls hinübergefahren, die Gottschalks recken en famille das Haupt, und Bernd Eichinger putzt unter der Königsloge seltsam verlegen an seiner beschlagenen Sonnenbrille herum. Zu sehen ist - in Günter Krämers immer noch ganz hübscher, herbstlaubdurchwehter Inszenierung - Giuseppe Verdis La Traviata - Fabio Luisi dirigiert animiert ein meist flitzebogenhaft gespanntes Bayerisches Staatsorchester. Aber deswegen nur ist natürlich keiner hier nächtelang angestanden. Denn sänge sie auch aus dem Telefonbuch: Das Publikum staut sich wegen Anna Netrebko, die im vergangenen Jahr bei den Salzburger Festspielen als Donna Anna international überauffällig geworden ist, allerdings bereits vor zehn Jahren in Moskau den Glinka-Gesangswettbewerb gewonnen hat. Da war sie 20 Jahre alt. Vorher hat sie als studentische Aushilfskraft das Parkett im Mariinskij-Theater geschrubbt, da sieht man so manches, auch schnell welkenden Lorbeer. Unlängst veröffentlichte Anna Netrebko eine stark italienisch-französisch angehauchte Ariensammlung (DG 474 240-2) - das slawische Repertoire wird nicht das ihre werden. Wohl aber bleibt die Violetta Valéry eine ihrer besten Rollen, noch.

Der dramatische Sopran ist mittlerweile wohlig dunkel eingefärbt, die Spitze sitzt, die Koloraturen funkeln wie perfekt eingefasste Diamanten. Kein Kraftakt. Keine Irritation. Keine technische Schwierigkeit. Der Gesang der Anna Netrebko erscheint als pure Selbstverständlichkeit. Wo aber die Schatten in der Partitur sind, zeichnet die vielleicht ein wenig überfeierte Anna Netrebko ein bisschen voreilig und fast zu schön mit dem Silberstift gegen.

Es muss am Ende noch einiges gelebte Leben ins Sterben, auch wenn man keine Callas werden will. Gleichwohl: ein helllila Triumph.