Es ist nicht überliefert, ob die drei Männer die Einigung mit einem Kopfnicken oder mit einem Handschlag besiegelten. Charles Henry Dow und Edward Davis Jones waren im November 1882 im Begriff, eine Agentur für Nachrichten aus der Finanzwelt der New Yorker Wall Street zu gründen, als Charles Milford Bergstresser zu ihnen stieß. Letzterer war wie die beiden Journalist, brachte aber zudem das nötige Geld mit. Wie aber sollte das Unternehmen nun heißen? Der Name Dow, Jones and Bergstresser, so die Legende, schien allen zu lang. Einem anderen Vorschlag – Berger, Dow and Jones – versagte der zu kurz gekommene Bergstresser seine Zustimmung. Und damit hatte er die Chance vertan, seinen Namen unsterblich zu machen, man einigte sich auf Dow, Jones & Company, Inc.

Sie alle waren zuvor bei der Nachrichtenagentur von John Kiernan gewesen: dem bärtigen, groß gewachsenen und in sich ruhenden Dow (damals 31 Jahre alt). Der aufbrausende Rotschopf Jones (26), der zwar sein Studium abgebrochen hatte, aber – wie es hieß – Finanzberichte "mit der Geschwindigkeit und Genauigkeit eines Chirurgen" analysieren konnte. Und der stämmige, durch dicke Brillengläser blinzelnde Bergstresser, 23. Ihr erstes Büro lag in der Wall Street 15. Direkt neben der Börse zwar, aber versteckt in einem Hinterzimmer. Mitarbeiter und Besucher mussten erst ein Café durchqueren und Treppen hinabsteigen, um in den Kellerraum zu gelangen.

Nackter Boden, ungestrichene Wände – und die Arbeit so nüchtern wie das Ambiente. Dow, Jones und Bergstresser sammelten in den Banken und Unternehmen die Informationen, die ihre Mitarbeiter dann im Büro schnell und korrekt niederzuschreiben hatten. Sie benutzten dabei Kohlepapier und elfenbeinbesetzte Griffel und konnten so die neuesten Nachrichten auf bis zu 24 Blättern gleichzeitig festhalten. Ein Heer von Botenjungen flitzte los, um die Neuigkeiten anschließend zu den Kunden zu bringen.

Was heute belächelt werden mag, war in jener Zeit brandneu: Weder gab es Pressemitteilungen noch Jahresberichte. Anleger mussten sich selbst zusammenreimen, wie es um die Finanzen eines Unternehmens stand und ob sich eine Investition lohnen würde. Gerüchte prägten den Markt. Hintergrundwissen besaßen nur die wenigen Insider, die breite Masse musste fürchten, Fehlinformationen aufzusitzen. Kursmanipulationen waren an der Tagesordnung. Erst viel später, 1934, verpflichtete die Börsenaufsicht die Firmen dann, Quartals- und Jahresberichte herauszugeben und damit der Öffentlichkeit die wichtigsten Daten zugänglich zu machen.

1882 aber waren Agenturen wie die von Dow, Jones und Bergstresser für viele Anleger die einzige Informationsquelle. Entsprechend groß war die Nachfrage, und schon ein Jahr nach Gründung ihres Unternehmens entschied sich Dow, Jones mit den letzten Nachrichten regelmäßig eine zweiseitige Zusammenfassung des Tages auszuliefern: Der Customers’ Afternoon Letter war geboren, der weltweit erste Börsenbrief. Dass seine Macher objektiv und vertrauenswürdig arbeiteten, beeindruckte Leser wie etwa den Banker John Pierpont Morgan oder Unternehmer wie William Rockefeller (Standard Oil).

Schon bald erfreute sich der Brief großer Beliebtheit, seine Auflage schnellte auf 1000 Stück hoch. 1889 dann machte der Customers’ Afternoon Letter einer Zeitung doppelten Umfangs Platz. Zwei Cents kostete die damals noch um 15.15 Uhr gedruckte Tagesausgabe, fünf Dollar das Jahres-Abo. Vier Spalten füllten die erste Seite, zwei davon bestanden – wie in jenen Tagen üblich – aus Anzeigen. Die Idee für den Namen stammte von Bergstresser: The Wall Street Journal.

Es war der Anfang einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte: Mit einer Auflage von landesweit 1,8 Millionen Exemplaren ist das Wall Street Journal heute die bedeutendste überregionale Qualitätszeitung der Vereinigten Staaten. Die New York Times ist zwar ebenso berühmt, blieb aber im Kern eine regional verwurzelte Zeitung. USA Today wird sogar in einer noch höheren Auflage (2,2 Millionen) verkauft, gehört aber zum Genre der Boulevardblätter.

Bis heute bildet das Wall Street Journal das Herz des Nachrichtenkonzerns Dow Jones (das Komma ging nach dem Zweiten Weltkrieg auf mysteriöse Weise verloren). Zu ihm gehören heute zahlreiche Zeitungen und Magazine, Fernsehstationen, Archive und mit wsj.com das nach eigenen Angaben mit rund 680000 Nutzern größte zahlungspflichtige Nachrichtenportal im Internet.