In der Zeit des Nachkrieges, des Kalten Krieges, war es schwierig, Europa als Ganzes zu übersehen. Es hatte seine weißen Flecken, seine Zonen des Schweigens. Man pflegte die Erinnerung an die eigenen und ignorierte die Toten der anderen. Manchmal galt auch das Reden über die eigenen Toten als störend. Die Rede war vergiftet von Feinderklärungen, Schuldzuweisungen und gegenseitigem Aufrechnen, noch bevor die ganze Geschichte überhaupt erzählt war.

Damit schien 1989 Schluss zu sein. Europa bekam seine zweite Chance. Eine ganze heillose Geschichte lag vor unseren Augen, ungeteilt, verwirrend, dass es einem den Atem verschlug. Nun konnten wir anfangen, uns die Geschichte, die ganze, ohne jeglichen Rechtfertigungs- und Belehrungszwang zu erzählen. So dachten wir. Wenn man die Diskussionen um die Errichtung eines "Zentrums gegen Vertreibung" beobachtet, gewinnt man den Eindruck, dass wir dabei sind, ohne Not die 1989 eröffnete Chance zu verspielen.

Wie konnte es dazu kommen? Treibende Kraft für die Einrichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" war die von Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, im September 2000 gegründete Stiftung. Vor aller öffentlichen Erörterung beschied diese, dass es sich dabei um einen Komplex aus Gedenkstätte, Museum und Dokumentation handeln solle, und zwar mit Sitz in Berlin. Ein öffentliches Gespräch über das Konzept gab es erst, als es verabschiedet war. Gegen dieses Projekt machte sich der SPD-Abgeordnete Markus Meckel stark, der auf einer dezidiert europäischen Ausrichtung des Zentrums bestand, was immer das bedeuten mochte, das seinen Sitz in Breslau haben sollte. Diese Initiative wird von einer großen Zahl prominenter polnischer und deutscher Politiker, Intellektueller und Wissenschaftler unterstützt.

Die Auseinandersetzung wäre unerheblich, wenn es sich lediglich um eine private Initiative handeln würde. Jeder kann Zentren, Denk- und Mahnmäler gründen und errichten, wann und wo er will. Aber die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" bemüht sich um staatliche Finanzierung und öffentliche Gelder, und was dort verhandelt wird, hat auch mit unseren Beziehungen zu Nachbarn zu tun, die aufs Spiel zu setzen niemand das Recht hat.

Es geht wie immer um Definitions- und Interpretationshoheit, letztlich aber um personelle und institutionelle Macht. Alles sieht nach einer Patt-Situation aus. Doch die Alternativen sind nicht "national" oder "europäisch", nicht "Gedenken an die Opfer" oder "Missachtung der Opfer", Standort "Berlin" oder "Breslau". Das sind schiefe Fronten. Die Öffentlichkeit, die ihre Lektion aus der Debatte um das Berliner Holocaust-Memorial gezogen hat, wird sich die Freiheit nehmen, einen Schritt zurückzutreten und den Fall noch einmal aufzurollen. Niemand ist befugt, hier Ultimaten zu setzen oder Druck auszuüben. Die ungute Situation, die durch die intransigente Haltung und das forcierte Vorgehen von Frau Steinbach entstanden ist, wird sich nur schwer auflösen lassen, schon gar nicht durch die Abwehraktion von Markus Meckel.

Eigentlich steht es gut in Europa um die Behandlung so schmerzlicher Fragen, wie es die Geschichte der Zwangsmigrationen in Europa ist. Europa diesseits und jenseits des alten Eisernen Vorhangs profitiert von der Öffnung und Weiterung des Horizonts. Die Leute gehen längst ihre eigenen Wege. Sie besuchen Gegenden, von denen sie vorher nur gehört oder Bilder im Familienalbum gesehen haben. Man darf Breslau sagen, wenn man nach Wroc¬aw fährt, ohne als Revisionist gebrandmarkt zu werden. Das neue Interesse ist grenzüberschreitend, ohne dass damit Grenzen infrage gestellt würden. Es ist so, als hätten alle genug vom alten Streit, den alten Rechthabereien und Aufrechnungen. Es ist so, als wären wir, nach allem, was geschehen ist, irgendwie quitt.

Es geht heute um das Europa des 21. Jahrhunderts und nicht um das von 1945. Eine ganze Generation von jungen Leuten hat sich auf den Weg gemacht, kein Thema ist ausgespart. Das westlich fixierte Europa beginnt zu entdecken, was ihm lange entgangen war: eine Welt der vielen Völker, vielen Sprachen, Kulturen und Konfessionen, ein Europa vor der Planierung und Provinzialisierung durch Nationalsozialismus und Kommunismus. Europa besucht seine Städte, seine Landschaften, seine Friedhöfe, Schlachtfelder, Gefängnisse, seine alten Klöster, Kirchen, Marktplätze. Europa findet eine Sprache für seine düstersten Kapitel.

Tschechische Historiker wie Tomá∆ Stanflk und Jaroslav Ku‡era schreiben über die Umsiedlung der Deutschen, Detlef Brandes und Philipp Ther haben große Studien vorgelegt, die neues Licht in die Umsiedlungsgeschichte gebracht haben, Hans Lemberg und W¬odziemierz Borodziej haben zusammen imposante Quellenarbeiten zur Vertreibung der Deutschen aus Polen vorgelegt. In Litauen, Estland und Lettland sind Forschungszentren zu Zwangsdeportationen und Genozid eingerichtet worden. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeiten russische Historiker an der Geschichte der Kollektivdeportationen sowjetischer Völkerschaften in der Stalinzeit.