Der zweite Urlaubstag ist der gefährlichste: Autostau in der Mittagshitze, brüllende Kinder auf dem Rücksitz und vor sich die schreckliche Zeit des stressigen Nichtstuns – kein Wunder, dass unter solchen Bedingungen die Blutgefäße dicht machen und das Risiko für einen Herzinfarkt drastisch ansteigt.

Rechtzeitig zur Ferienzeit warnt das Fachblatt Psychosomatic Medicine vor den Nebenwirkungen der vermeintlichen Erholungssaison: Eine Studie, die auf den Daten eines Reise-Krankenversicherers beruht, hat gezeigt, dass die Herzinfarktrate zu Urlaubsbeginn am höchsten ist. Und besonders gefährdet sind, wen wundert’s, die Autofahrer. Vorher noch im Büro zehntausend Dinge erledigt, nun mit der Familie auf dem Weg ins überfüllte Urlaubsquartier und dazu die Angst im Nacken, die Kollegen könnten während der Abwesenheit bemerken, wie entbehrlich man ist.

Doch im Urlaub droht nicht nur ein Infarkt durch Stress, auch die Entspannung kann krank machen. Immerhin geben drei Prozent aller Arbeitstätigen an, in ihrer Freizeit vermehrt unter Kopfschmerzen, Schwäche, Muskelschmerzen und Übelkeit zu leiden. Das hat eine Umfrage des holländischen Psychologen Ad Vingerhoets von der Universität Tilburg ergeben. Vingerhoets gehört übrigens selbst zu der Risikogruppe und wird zu Beginn seines Urlaubs regelmäßig krank. Vermutlich wird er künftige Studien in der Ferienzeit durchführen, um gesund zu bleiben.

Grund für die Ferienzipperlein ist das Fehlen des zwar nervigen, aber doch gewohnten Alltagsstresses. Denn die Stresshormone haben im Körper eine durchaus wohltätige Wirkung und stärken im täglichen Arbeitskampf das Immunsystem. Wenn dagegen zu Ferienbeginn die Stresshormone im Blut plötzlich abfallen, fehlen wichtige Antikörper wie Immunglobulin A, und der Körper wird anfälliger für Infektionen. Gleichzeitig steigen die Prostaglandine und machen den Körper empfindlicher für Schmerzen.

Dass abruptes Nichtstun ungesund ist, lässt sich sogar an Ratten zeigen. In Experimenten entwickeln sie in der "Post-Stress-Phase" Magengeschwüre, weil Stress-Gegenregulationshormone stark ansteigen. Überzeugte Workaholiker ziehen daraus den einzig richtigen Schluss und fahren lieber gar nicht in den Urlaub. In einer Studie der britischen Versicherung Royal & Sun Alliances gab ein Drittel aller Befragten an, sie würden auf ihre Ferien gern verzichten und dafür lieber andere Vergünstigungen wie etwa ein Abonnement im Fitnessclub erhalten.

Bahnt sich hier ein neuer Trend an? Ist Urlaub künftig nur noch etwas für Gleichmütige? Ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Entspannung im Alltag ist jedenfalls allemal gesünder als ehrgeiziger Ferienstress, der das Immunsystem mit Fernreisen belastet, den Körper mit sportlichen Extremen und den Geist mit einer Überdosis von Museumsbesuchen quält. Achim Wüsthof