Sprache und Wirklichkeit geben sich unserem Lande einer seltsamen Dialektik hin, die mit einem gewissen Aufwand an Höflichkeit ironisch zu nennen wäre. Sie gefällt sich in Paradoxien, die oft ans Groteske, ja ans Absurde grenzen, zumal in der Politik. Die bäuerliche Welt ist der Majorität unserer Abgeordneten so fremd und fern wie den Kindern von Kreuzberg, wie heftig sich die "grüne Front" quer durch alle Parteien auch ins Zeug legt.

Trotzdem warnen Minister, Fraktionsvorsitzende, Hinter- und Vorderbänkler unablässig, dass die Kuh noch nicht vom Eis sei. Sie mahnen uns, nicht den Bock zu melken und vor allem denselben nicht zum Gärtner zu machen, das Pferd möglichst nicht beim Schwanz aufzuzäumen, damit es nicht im Schweinsgalopp durch den Beritt rase, zumal wenn es den Stall wittere, den der Reichstag leider nicht hat, von unserem Einfamilienhäuschen ganz zu schweigen. Wer dem Gegner grob kommen will, rät ihm, sich vom Acker zu machen. Dennoch wird unverzüglich die nächste Sau durchs Dorf getrieben - und der Wähler glotzt wie ein gestochenes Kalb.

Redensarten, die im Ländlichen zu Haus sind, sollen kernige Volksverbundenheit demonstrieren, obschon nur noch drei oder vier Prozent unserer Bürger der Bauernschaft angehören, dessen Mitglieder trotzdem darauf bestehen, sie seien (mehr als die anderen) das Volk. Die agrarischen Wortschmankerln deuten wohl eine Art Heimweh nach dem verlorenen Idyll an: nach der Scholle, die seit Generationen nicht mehr an unseren Schuhen haftet.

Am liebsten wird beschworen, was man nicht hat.

Aber wie steht es mit der Redewendung, in die sich tout Berlin gleichsam über Nacht vernarrt hat? Ein ums andere Mal heißt es, dass der Bundeshaushalt "in trockenen Tüchern" sei - oder auch nicht. Die merkwürdige Metapher ist so neu freilich nicht. Der niedersächsische Staatssekretär Carstens verkündete schon im Februar 1993 lauthals, der "Wesertunnel" sei "in trockenen Tüchern". Die Herkunft des Bildes gibt den Sprachforschern noch immer Rätsel auf. Es liegt allzu nahe, an die Geretteten einer Schiffskatastrophe zu denken, die in trockene Tücher zu hüllen sind. Gelegentlich wird auch auf die Käseherstellung verwiesen, bei der die Molke durch ein tuchenes Sieb zu treiben ist. Der Wirklichkeit am nächsten ist vermutlich eine Hebamme, die daran erinnert, dass die Neugeborenen erst in trockenen Tüchern sein müsssen, ehe sie der glücklichen Mama in die ausgebreiteten Arme gelegt werden dürfen.

Doch woher weiß das Herr Eichel? Das Etikett des Geburtshelfers wird ihm schmeicheln. Indes, angesichts der Steuerreform und seiner Neuverschuldung fühlt er sich vielleicht eher als jener Viechsdoktor, der verdattert das Kalb mit zwei Köpfen anstarrt, das er zur Welt bringen half.