Als er fertig war, Ostern 2003, stieg der Alte, wie er sich selbst gern nennt, von seinem Arbeitszimmer die Treppe hinunter in die große Wohnhalle. Dort stehen die beiden Steinways, und durch die hohen Flügeltüren geht der Blick hinaus auf die Pinie, die er einst selbst gepflanzt hat. „I’ve got it“, sagte er und putzte die Hände aneinander ab wie ein Gärtner, dem noch die Erde an den Fingern klebt. Dann steckte er den Stapel Notenblätter in einen Umschlag und überantwortete ihn der Schnellpost, die es mittlerweile auch hier gibt, in Marino, am Fuß des erloschenen Vulkans Monte Cavo, 20 Kilometer südlich von Rom. Nach über 30 Musiktheaterstücken und Balletten hat Hans Werner Henze seine letzte Oper vollendet. Und jetzt?

Die Zeit: Herr Henze, Sind Sie erleichtert?

Hans Werner Henze: Oh, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr.

Zeit: Sie werden ganz bestimmt keine Oper mehr schreiben?

Henze: Nein, es langt. Ich denke, ich werde auch keine Sinfonie mehr komponieren.

Zeit: Fällt Ihnen die Arbeit inzwischen so schwer?

Henze: Schwerarbeit war es immer, und Trauerarbeit, die sehr starke psychische und körperliche Erscheinungsformen mit sich bringt. Keine Depressionen, eigentlich. Aber es ist ein quälender Zustand.

Zeit: Mehr als bei früheren Werken?

Henze: Viel mehr.

Zeit: Warum?

Henze: Vielleicht ist es das Alter. Ich war in den letzten Monaten sehr oft der Kapitulation nahe. Man wird früh wach, geht gleich ins Arbeitszimmer. Da sitzt man dann vor diesem Notenblatt von gestern und schaut. Und wenn man Glück hat, kann man gleich das eben Geträumte oder das Erlebte oder das gestern nicht Zustandegekommene verwirklichen. Aber es ist mir in letzter Zeit oftmals so gegangen, dass ich schon nach einer Stunde Kopfschwanken bekam, so eine Art fading.

Zeit: Schwindel?

Henze: Ja. Und ich musste mich wieder hinlegen. Manchmal habe ich gedacht, ich werde zur Minna. Es ist nicht das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ich schaff das nicht mehr, weil ich vorher sterben werde. Bei der Niederschrift meiner neunten Sinfonie war es zum Beispiel auch so und ein bisschen bei der achten. Bei der allerdings habe ich mich selber betrickst, indem ich den Schlusssatz zuerst geschrieben habe – und dann den zweiten Satz und dann den ersten. Was Sinn macht, weil der erste und der zweite Satz Variationen des Materials sind, das erst im dritten Teil erscheint.

Zeit: Hat es Sie beim Komponieren belastet, dass die Oper L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe Ihr letztes Großwerk sein wird?

Henze: Im Gegenteil, die Aussicht auf einen Feierabend war es, was mich aufrecht erhalten hat. Ich konnte ja manchmal überhaupt keine Noten mehr schreiben. Ich meine auch technisch: Das hat dann angefangen zu wackeln, man konnte es kaum noch lesen. Obwohl ich sonst nichts anderes getan habe. Ich habe nicht unterrichtet, wie früher, nicht dirigiert, keine Vortragsreisen gehalten, nichts dergleichen. Meistens habe ich hier gesessen, wo ich jetzt sitze, und mir die Bäume angeguckt. Sonst nichts.

Zeit: Und Musik gehört, im Kopf?