Die 30-jährige Patientin liegt betäubt auf dem Tisch. Drucksensoren sind in Blutgefäße an Arm und Hals versenkt, ein Ultraschallkopf überwacht von der Speiseröhre aus das Herz. Um 15.10 Uhr betritt der Chirurg den OP. Um den Kopf bindet er sich ein Frotteeband mit einer Art Grubenlampe. Auf dem Gestell seiner Lupenbrille ist sein Name eingraviert: „Christian Detter, M. D.“ Ohne die Sonderausrüstung wäre der Oberarzt vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nahezu blind.

Meist hantieren Herzchirurgen mit grobem Gerät: Mit Sägen spalten sie die Brustbeine ihrer Patienten, mit stählernen Sperrern werden die Rippen zur Seite gedrängt und nach Stunden die Knochen mit Stahldrähten wieder zusammengeheftet. Diesmal aber geht es sanft zu: Auf dem Plan steht eine "minimal invasive" Herzoperation.

15.30 Uhr, zwei Kollegen Detters beugen sich über die rechte Leiste der Patientin und legen dort Beinarterie und Beinvene frei. Über diese Zugänge wird später eine Herz-Lungen-Maschine den Körper mit Blut versorgen. Während das Herz geöffnet ist, muss die mechanische Pumpe das Organ ersetzen. Auf der Brust der jungen Frau sind mit Filzstift die Konturen der Rippen angezeichnet, jede Rippe eine römische Ziffer. Kurz unterhalb von IV drückt der Operateur sein Skalpell in die Haut. Ein horizontaler Ritz, vier Zentimeter vielleicht, es passt gerade ein Tupfer hinein. Über diesen winzigen Spalt wird Detter das Herz in der Tiefe reparieren.

Obwohl sie an den Chirurgen hohe Anforderungen stellen, kommen minimal invasive Herzoperationen in Mode: Statt den Brustkorb aufzustemmen, werden dünne Sonden zwischen den Rippen hindurch zum Herzen geführt. Später erinnern nur kleine Schnitte unter der Brust oder an den Flanken an die große Operation. Das schont das Dekolleté und schmerzt nicht so lange, die Operierten atmen besser durch und sind schneller wieder auf den Beinen. Die Yellow Press feiert den "sanften Weg zum Herzen", und die Patienten verlangen danach.

Eine Gefälligkeitsmedizin droht, gegen die sich in der Fachwelt Zweifel regt. Sind die minimal invasiven Eingriffe wirklich so sicher, wie Kliniken und Instrumentenhersteller behaupten? Die neuen Methoden müssten sich zunächst an der Qualität etablierter Verfahren messen lassen, sagt Reiner Körfer, Chefarzt in Europas größter Herzklinik Bad Oeynhausen. "Es geht ja um den Patienten und nicht darum, ob ich in die Zeitung komme." Die Studien seien von der Industrie gesponsert, negative Resultate erführe man nur nebenbei, aber nicht in den offiziellen Reports. Bis jetzt erkenne er in der neuen minimal invasiven Welle keinen Vorteil.

Etwas mehr Nachdenklichkeit ist tatsächlich angebracht. In der Herzmedizin sind viele Neuerungen kurzlebig, manche gar gefährlich. Noch vor vier Jahren schossen Chirurgen mit dem Laser Kanäle in den Pumpmuskel, zur besseren Durchblutung. Die Presse jubelte. Die Herzfunktion aber war nach dem Beschuss oft verschlechtert. Inzwischen gilt die Methode als obsolet. Problematisch waren auch die ersten Mitralklappenoperationen (siehe Kasten Seite 28), bei denen sich die Operateure über einen kleinen Schnitt an der Flanke Zugang verschafften. Die neuartige Herz-Lungen-Maschine zerriss die große Körperschlagader. Patienten starben. Und im Fall der minimal invasiven Bypass-Operationen spricht Reiner Körfer davon, dass dabei mehr Menschen gestorben seien als bei konventionellen Eingriffen.

Mit langen Stäben im Brustkorb

15.40 Uhr. Christian Detter durchtrennt die Muskeln zwischen den Rippen. Immer wieder muss er Blutgefäße mit Stromstößen veröden – es riecht nach verbranntem Fleisch. Tief unten taucht für Sekunden im Schein der Stirnlampe gelblich glänzend das Herz auf. Nur Detter überblickt von oben durch seine Lupenbrille das Operationsgebiet. Minimal invasive Herzchirurgie ist einsame Arbeit.