Noch ein Akkordeon, das geht nicht. Drei Leute greifen bereits in die Tasten, fünf blasen die Klarinette, und auch die Fiedel ist doppelt besetzt. Mehr als ein Dutzend Instrumentalisten drängen sich bei Apfelsaft und Bier zu einem heftigen Jam, bei dem mal die Geige, mal die Posaune in die Mitte springt und ein kleines Solo hinwirft. Noch ein Akkordeon, meint man, müsse sich kontraproduktiv auswirken, noch ein Stehbass den Rahmen endgültig sprengen. Doch da kommt er bereits zur Tür hereingewankt, und es geht eben doch. Für jeden weiteren Mitspieler muss nicht einmal das Stück unterbrochen werden.

Fehlender Sinn für Basisdemokratie lässt sich den Anwesenden beim „Klezmer-Stammtisch“ noch weniger nachsagen als mangelnde Spielfreude. Die traditionellen Tänze und Lieder, die Bulgars und Freijlachs, das Kwetschn (Klagen), Kneijtschn (Nuancieren) und Krechtsn (Seufzen) – alles klingt ähnlich kompetent, wie man es von Aufnahmen anerkannter Ensembles kennt. Einige aus der Gruppe, die sich einmal im Monat in einem Café im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg versammelt, sind längst selbst hauptberufliche Musiker. Und doch trifft den Zaungast von der Zeitung der eine oder andere Seitenblick: bestimmt wieder so einer, der nicht nur nach der Musik fragen wird.

Nur Musik, das ist hierzulande Irish Folk, Blues und Rock ’n’ Roll, der Sound der Befreiung. In den letzten Jahren wagt man sich als Samba- und Salsaschüler auf die Straße. Wenn Deutsche Klezmer spielen, die historische Festmusik der Ostjuden, ist die symbolische Aufladung immer noch nahezu körperlich zu spüren. „Es wird als unfreundliche Übernahme empfunden, auch wenn es freundlich gemeint ist“, sagt Carsten Schelp, Anfang 30 und „einfach der Musik wegen“ zum Klezmer gekommen, nachdem die Instrumente weggepackt sind. Ähnlich sieht es Franka Lampe, mit der er in den Neunzigern die Gruppe la’om gründete. Zur genaueren Bestimmung ihrer Position verweisen sie auf die offizielle Homepage im Internet. Dort ist viel davon zu lesen, was ihre Annäherung an Klezmer nicht sein soll – keine Aneignung fremder Traditionen, kein Versuch, Opfer zu spielen, auch keine „Vergangenheitsbewältigung“ – und wenig über die persönlichen Motive.

Klezmer in Deutschland: ein ideologisch vermintes Gelände. Zur Klärung gedachte Texte ähneln Rechtfertigungsdiskursen, Statements werden wohl bedacht, bevor sie den Mund verlassen, und anschließend noch einmal überarbeitet. Stets ist da dieses leichte Flackern im Auge des Gegenübers, in dem sich ein mögliches Missverständnis andeutet, das zum Gesprächsabbruch führen könnte. Man kennt die Fallen der hiesigen Erinnerungskultur und ist nicht bereit, in sie hineinzutappen – auch wenn dies kaum zu vermeiden ist. Es hat etwas Ironisches, dass ausgerechnet Deutsche die Klezmer-Musik ins Herz geschlossen haben, zumal die Liebe keiner historischen Realität entspricht. „Was ist der Unterschied zwischen Juden und Deutschen?“, lautet ein jüdischer Witz. „Der eine von beiden mag Klezmer.“ Bereits in den zwanziger Jahren war der singende und tanzende Chassid ein nostalgisches Klischee, das vom aufgeklärten, assimilierten Judentum abgelehnt wurde. Paradoxerweise sind es heute die Zuwanderer aus dem Osten, die dem romantisierten Bild vom Schtetl-Juden am allerwenigsten entsprechen: Sie üben technische Berufe aus und tragen selten Bärte.

Je knapper das Echte, desto heftiger der Streit

Dass nichtjüdische Deutsche – so muss es etwas monströs, aber korrekt heißen – sich einer musealen Musik annehmen, lässt den Verdacht aufkommen, es ginge um Bilder und nicht um Wirklichkeiten: Ohne Kontakt zu lebenden Juden klezmert sich’s ungenierter. Selbst bei den Protagonisten des amerikanischen Klezmer-Revivals, jungen, hippen Juden, die Anfang der Neunziger von einem vorwiegend gleichaltrigen Publikum begeistert aufgenommen wurden, hat der Boom jiddischer Musik im wiedervereinigten Deutschland gemischte Gefühle ausgelöst. „Ein so fröhliches Volk…“, heißt es sarkastisch in einem CD-Booklet der Gruppe Brave Old World. „Wir sind die Indianer Europas, und die Kinder unserer Mörder sind auf der Suche nach den Geheimnissen unserer gemarterten Weisen.“

Freilich hat auch das US-Revival seine Wurzeln in der Sehnsucht nach einer verlorenen Welt. Als Bands wie Brave Old World, Kapelye oder die Klezmatics die Festmusik ihrer Vorfahren wiederzuentdecken begannen, war sie bereits fast vollständig in der amerikanischen Unterhaltungskultur aufgegangen, verdrängt von der ersten Generation von Einwanderern, vergessen von der zweiten, die zu guten Amerikanern geworden war. Erst die dritte Generation begann, sich zurückzuwenden und nach den Wurzeln zu fragen. Das US-Revival hat Züge einer Roots- Bewegung, einer jüdischen Identitätssuche in postmodernen Zeiten. Weil kaum noch lebende Vertreter anzutreffen sind, stützt es sich notgedrungen auf Archive. Mit anderen Worten: Wie der authentische Klezmer geklungen haben mag und in welchem Geiste er zu spielen sei, ist eine Frage der Interpretation.