Hubertus Schmoldt gilt als Reformer unter den Gewerkschaftsführern. Wenn es aber um die Kohle geht, kennt der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) kein Pardon. Der gelernte Maschinenbauschlosser, mit Kanzler Gerhard Schröder aufs engste verbandelt, brandmarkt gern schon einmal als „Industriefeind“, wer ihm in Sachen Bergbau widerspricht.

Schmoldt ist überzeugt, dass Deutschlands Industrie untergeht, sollte in deutschen Kraftwerken keine deutsche Steinkohle mehr verbrannt werden. Damit das nicht passiert, braucht Schmoldt Hilfe. Von Politikern. Und von der Öffentlichkeit. Denn deutsche Kohle ist ein Luxusgut. Sie kostet rund dreimal so viel wie gleichwertige Ware aus Polen, Australien oder Südafrika. Die Differenz, rund 100Euro pro Tonne, zahlen die Steuerzahler.

Würden die Bauern in Schleswig-Holstein Ananas züchten und dafür Beistand von den Steuerzahlern fordern, sie würden auf der Stelle für verrückt erklärt. Bei der Kohle ist das anders. Und es soll gefälligst auch so bleiben, meint Schmoldt. Sonst werde aus Deutschland ein „Freizeitpark“.

Der Lobbyist baut auf mächtige Verbündete. Zum Beispiel Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. „Mein alter Bekannter“, so Schmoldt. Clement, ein Genosse wie SPD-Mitglied Schmoldt, kämpft seit Jahren für einen „lebens- und leistungsfähigen Steinkohlebergbau“, wie er sich gern ausdrückt. Oder Peer Steinbrück, ebenfalls SPD-Mitglied und Clements Nachfolger als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens. Oder Werner Müller, der ehemalige Bundeswirtschaftsminister, der sich für die Kohle ins Zeug legte und heute den Riesenkonzern RAG führt, zu dem auch die Deutsche Steinkohle AG gehört. Das Unternehmen betreibt die letzten zehn deutschen Bergwerke, die es noch gibt. Kosten für die Steuerzahler allein in diesem Jahr: fast 3,3 Milliarden Euro.

Selbst Kanzler Gerhard Schröder steht zur Kohle. „Bergbau“, sagt er, „das ist eine ganz eigene Kultur.“ Deswegen hätten all diejenigen Unrecht, „die das, was dort geschieht, nur unter dem Aspekt betriebswirtschaftlicher Rechnerei begreifen“.

Doch sosehr Politiker und Interessenvertreter auch kämpfen: Die Bevölkerung hat längst verstanden, dass die Zeit der deutschen Steinkohle ablaufen muss. Selbst dort, wo es am allerwenigsten zu vermuten ist, stehen die Menschen nicht mehr bedingungslos zum Bergbau: im Kohlerevier an der Ruhr.

Gestern Zeche, heute Disco

Die Regionalzeitung WAZ und der RWE-Konzern haben die Stimmung vom Bochumer Meinungsforschungsinstitut Bifak auskundschaften lassen. Das Ergebnis, so die WAZ: „Nicht in Bayern oder sonst einer Gegend fern des Reviers, sondern im Ruhrgebiet selbst hält eine Mehrheit die Zeit des Bergbaus für ,ablaufend oder bereits abgelaufen‘.“ Auch die Sprache verändert sich. Mit dem Wort „Zeche“, sagt der Wirtschaftsgeograf und Ruhrgebietsforscher Hans Heinrich Blotevogel von der Universität Duisburg, verbinden die meisten Menschen im Revier längst eine Großdisco auf dem Gelände des ehemaligen Bergwerks Prinzregent in Bochum.