Der Architekt David Libeskind wird seinen 540 Meter hohen "Freedom Tower" auf dem Gelände von Ground Zero nicht so bauen können wie noch im Februar erhofft. Wer hätte das auch gedacht in der Welthauptstadt des Kapitalismus.

New York wird sein wieder aufgerichtetes Selbstbewusstsein nun nicht durch den höchsten Turm der Welt kundtun, es wird keine verglasten Gärten geben zu den Themen Tundra, Taiga, Laubwald, keine unterirdische, museal freigelegte Spundwand, die den Hudson River zurückhält, keinen Lichtstrahl, der immer am 11. September um 8 Uhr 44 durchs Glasgebilde bricht - der wäre auch aus physikalischen Gründen schon ausgeblieben. Libeskind spricht von der Architektur gern als der "Kunst des Kompromisses". Kompromiss wird in New York jedoch eher als rustikales Handwerk ausgeübt: Der Pächter des 6,5 Hektar großen Areals von Ground Zero, Larry A. Silverstein, muss aus finanziellen Gründen schnell bauen, nahe an der U-Bahn und mit großen Büroflächen. Der republikanische Gouverneur des Staates New York, George Pataki, möchte im August des kommenden Jahres eine schöne Grundsteinlegung feiern, wenn die Republikaner in New York ihren George W. wieder zum Präsidentschaftskandidaten küren. Und 2006, wenn Gouverneurswahlen sind, möchte Pataki dann etwas Schönes einweihen. Larry Silverstein wird Patakis Wahlkampf unterstützen, Pataki unterstützt Silverstein in der Port Authority New Yorks und New Jerseys, der das Gelände in Lower Manhattan gehört. Der Architekt Davis Childs soll jetzt Libeskinds hochfliegenden Entwurf auf den Boden der realen Möglichkeiten zurückholen. Das wäre Libeskinds Übersymbolismus ohnehin nicht erspart geblieben, aber dass sich Geld und Macht (wir wissen, auch Geld und Macht haben ihre Sorgen) den Ort so rasch wiedererobern, an dem rund 3000 Menschen ermordet wurden, lässt einen doch frösteln.

Siehe auch Seite 58