Die Reste der Revolution haben in einer verrosteten Schubkarre Platz. Das darf man so nicht sehen, aber man sieht es ganz unwillkürlich so. Die Schubkarre mit den Resten der Revolution steht in Havannas Museum der Schönen Künste. Sie ist voll geladen mit einem Haufen trockener Knochen. Knochen auf der Suche nach Fleisch heißt das Werk, entstanden vor wenigen Monaten. Roberto Fabelo gehört zur Künstlerelite des Landes. Im Gespräch mit einer kubanischen Kulturzeitschrift sagt er: "Die Versorgung ist ein alltägliches Problem, und manchmal ist sie ein brennendes und unlösbares Problem – jedenfalls in jenen Teilen der Welt, in denen der Reichtum ungleich verteilt wird." Das ist eine brave und zugleich eine böse Antwort. Sie beschwört, ganz klassisch, das alte Biest Kapitalismus herauf, das da draußen auf der Welt weiter wütet. Sie lässt aber auch eine Deutung zu, die viel näher liegt: In Kuba ist die Versorgung ein brennendes Problem; in Kuba wird der Reichtum ungleich verteilt; die Revolution ist abgenagt, ausgezehrt – ein Haufen Knochen auf der Suche nach Fleisch.

Im Fernsehen werden kubanische Fahnen geschwenkt, massenhaft. Es sehen nur ein paar Greise hin, wie betäubt. Ein gespenstisches Bild: das wimmelnde Winken auf der Mattscheibe, fixiert von fast schon totenstarren Blicken. In seinem neuen Film Suite Havana, einem dokumentarischen Essay, begleitet Fernando Perez für 24 Stunden das entbehrungsreiche Leben von zwei Hand voll gewöhnlicher Kubaner. Die einzige Person, die lacht, ist ein Kind mit Down-Syndrom. Es redet niemand; Perez spart Gespräche aus. Am Ende des dialoglosen Films werden die Figuren vorgestellt, die Perez begleitet hat, mit ihren Berufen und Träumen. Zum Schluss die ambulante Erdnussverkäuferin, eine Rentnerin: "Sie verkauft Erdnüsse, um zu überleben. Sie hat keine Träume mehr." Nach jeder Vorstellung wird im Kino geklatscht. Der Film ist Stadtgespräch, obwohl er nur in einem einzigen Saal läuft. Im Friseursalon sagt anderntags eine Frau: "Der Regisseur sitzt doch im Gefängnis, oder?"

Der alte Fuchs macht Fehler

Nein, sitzt er nicht. Er nicht. Ende März sind auf Kuba 75 Oppositionelle festgenommen worden. Man hat ihnen eilig den Prozess gemacht und sie zu hohen Haftstrafen von bis zu 28 Jahren verurteilt. Angeblich waren sie, ob als freie Journalisten, unabhängige Gewerkschafter oder Menschenrechtsaktivisten, "Söldner" des Erzfeindes USA und im Begriff, die nationale Souveränität Kubas zu untergraben. Sie verbüßen ihre Strafe großenteils in Gefängnissen, die Hunderte Kilometer von den Wohnorten ihrer Familien entfernt liegen, zum Teil in Isolationshaft. Ehepartner haben in vielen Fällen nur alle vier Monate Besuchsrecht. Parallel zu den Dissidenten-Prozessen wurden drei junge Männer zum Tode verurteilt. Sie hatten kurz zuvor eine Fähre entführt und dabei Geiseln genommen. Sie wollten nach Miami, wurden aber im Hafen von Havanna überwältigt. Wenige Stunden nach einem Eilverfahren richtete man sie hin. Die Familien konnten erst auf dem Friedhof von ihren Angehörigen Abschied nehmen.

Man kann in Havanna ungestört ins Kino gehen und einen kritischen Film sehen oder eine kritische Ausstellung besuchen. Aber es ist nicht ganz so leicht, Künstlern oder Intellektuellen kritische Fragen zu stellen. Im Augenblick möchte sich niemand den Mund verbrennen. Viele haben Angst. Sie senken die Stimme, sie sehen sich um. "Ich rede offen, aber nur in geschlossenen Räumen – wenn ich weiß, mit wem ich es zu tun habe." Und bitte keinen Namen nennen. Das sagen nicht alle, aber viele. "Die kubanische Politik folgt im Moment der Logik des belagerten Platzes", sagt der Historiker. "Wenn man sich umzingelt und bedrängt fühlt, ist man irgendwann zu jeder Panikreaktion bereit."

Seit Beginn der Irak-Invasion scheint Fidel Castro sich besonders bedroht zu fühlen. Das Militär zeigt Präsenz, es finden mehr Manöver statt, angeblich wurden sogar die Sirenen angeworfen, als die USA im Nahen Osten ihren Einmarsch begannen. Und der Ton verschärft sich. Bushs Regierung wird inzwischen "nazi-faschistisch" und "hitleristisch" genannt, auch Spaniens Ministerpräsident Aznar ist auf offiziellen Plakaten mit Führerbärtchen und Hakenkreuz abgebildet. Ist das Panik oder Kalkül? Denn es gibt auch eine ganz andere, zugegeben, abenteuerliche Theorie: Der zufolge provoziert Castro die Invasion der USA – damit er sich im entscheidenden Augenblick noch einmal an die Front stürzen kann. Er stürbe für die sieche Revolution – und diese mit ihm. Was für ein Finale, glamourös im Vergleich zum spätrevolutionären Alltag, in dem der Sozialismus und sein Führer Jahr für Jahr fahler wirken. Der Führer gibt dem (zweifellos unheilvollen) US-Embargo die Schuld an allen Engpässen, während viele Gegner behaupten, Castro profitiere in Wirklichkeit vom Embargo: Er nutze es als universellen Sündenbock für die hausgemachte Misswirtschaft.

Castro, das alte politische Tier. Fast jeder, Freund wie Feind, hält den Comandante noch immer für einen verschlagenen Strategen. Aber bei manchen bröckelt der Respekt. "Es ist traurig", sagt ein EU-Diplomat, "doch diesmal ist er den Amis einfach in die Falle gegangen. Bush hat Castro provoziert, und der hat zugebissen ohne Not. Jetzt ist er international isoliert – wie Bush es sich gewünscht hat." Manche Gesprächspartner sehen weit hinaus in die Welt, um die Repression vor Ort zu erklären. Warum mussten die Dissidenten hinter Gitter? "Sehen Sie, Bush hat doch damals gelogen, als es um die Massenvernichtungswaffen des Irak ging…" So beginnt der Soziologe, in weiten Bögen und kleinen Schritten, seine Rechtfertigungsrede. Zunächst wird der imperialistische Gestus von Bushs Außenpolitk nachgewiesen. Außerdem sei Kuba doch plötzlich auf die Achse des Bösen gesetzt worden, und mehrere US-Politiker hätten in etwa gesagt: Wenn das Saddam-Problem gelöst sei, warum nicht als Nächstes das Castro-Problem lösen?

Ein jour fixe im Abbruchhaus