Kuba Castros geduldige KinderSeite 3/3
Was der Staat an kritischer Kultur zulässt, schürt womöglich keine Dissidenz, sondern sediert sie. In eingehegten Freiräumen kann die Unzufriedenheit kurz Luft holen, danach reicht der Atem für den nächsten Duldungsschub. Dabei hilft die alte Weisheit: „In Kuba ist eine geöffnete Tür nie wirklich offen, aber eine geschlossene Tür auch nie wirklich geschlossen.“ Im Moment scheint der Satz allerdings einer Belastungsprobe ausgesetzt zu sein. Die EU hat beschlossen, offizielle Kontakte zu Kuba auf diversen Ebenen einzuschränken. Außerdem wurden die EU-Botschaften angewiesen, zu wichtigen Empfängen auch Dissidenten einzuladen. Man spricht schon vom „Krieg der Canapés“. Am 14. Juli flanierten Oswaldo Payá und Elizardo Sanchez durch den Garten der französischen Vertretung. Kubanische Regierungsvertreter hatten indigniert abgesagt.
Gute Zeit für Paranoia
Kaum ein Kubaner kennt die EU-Maßnahmen im Einzelnen, in den offiziellen Medien ist nur vom „Vasallentum Europas“ gegenüber dem US-Faschismus die Rede. „Wir verstehen allerdings“, sagt die Schriftstellerin, „dass wir nun die ganze Welt gegen uns haben.“ Künstler und Intellektuelle fürchten vor allem, dass sich Türen ins Ausland schließen, zu einer anderen, noch begehrteren Sorte Freiraum. Stipendien, Tourneen, Ausstellungen, Gastsemester – im Kulturbereich wurde bisher vergleichsweise viel gereist, auch in die USA. Jetzt haben verschiedene Länder begonnen, Projekte zu verschieben, Etats zu streichen, Kontingente zu kürzen. Auch die kubanische Regierung verfährt restriktiver, was Visa für ihre Kulturarbeiter angeht. Und sie setzt die Visafrage als Druckmittel ein. Kurz nach der Massenverurteilung waren sämtliche Mitglieder der kubanischen Künstlerunion aufgerufen, in einem propagandistischen offenen Brief sogar die Hinrichtungen als „schmerzhaft, aber notwendig“ zu rechtfertigen. Zauderern wurde indirekt zu verstehen gegeben, dass eine fehlende Unterschrift sich auf künftige Reisemöglichkeiten auswirken würde.
„Alle zittern im Moment. Eine gute Zeit für Paranoia“, sagt der Regisseur. „Wir flüchten uns noch stärker in die Selbstzensur. Damit kennen wir uns aus.“ Die Selbstzensur ist ein Bestandteil der Duldsamkeit, die wiederum Teil der allgemeinen Überlebensstrategie ist. Die Intellektuellen wollen in Kuba bleiben. Wer gereist ist, kennt kubanische Kollegen im Exil, die ihre Heimat vermissen und ihr geistiges Zuhause verloren haben. Aber das Überleben wird immer schwieriger, geistig wie materiell. „Wir haben uns angewöhnt, Arme, Kriminelle oder jugendliche Randgruppen als marginales zu bezeichnen. In Wirklichkeit sind wir ein einziges Volk von Marginalisierten“, sagt die Literaturdozentin. Sie arbeitet für Radiosender und Zeitschriften und ist trotzdem gezwungen, jedes Buch zu stehlen, weil ihre Einkünfte gerade für Nahrungsmittel reichen. „Die Revolution verstößt ihre Kinder systematisch“, sagt der Schriftsteller. „Wer einer ordentlichen Arbeit nachgeht, kann kein ordentliches Leben mehr führen. Wer ein ordentliches Leben führen will, muss sein Geld unsauber verdienen.“
Der Revolution haben die Kubaner ein kostbares Selbstwertgefühl zu verdanken, einzigartig in Lateinamerika. Was davon noch übrig ist, wendet sich nun gegen den Staat. Man verachtet die Verwalter der Revolution für ihre Unfähigkeit anzuerkennen, dass eine würdige Existenz im real existierenden Sozialismus nicht mehr möglich ist. Jede Revolution braucht ein Volk, um zu überleben. Das kubanische Volk aber kann nur noch gegen die Revolution überleben. Knochen auf der Suche nach Fleisch: Die Revolution ist zum Skelett abgemagert. Sie hat keine Nerven mehr, keine Adern, kein Herz. Sie trägt nur noch Uniform. Sie ist umzingelt. Aber sie darf nicht sterben. Nicht vor ihrem Führer.
- Datum 24.07.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.07.2003 Nr.31
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