In der Mitte des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse an kompositorischen Entstehungsprozessen. Seither gibt es auch einen Handel mit Musik-Originalmanuskripten und Druckversionen – samt schön gestochenen Vorsatzblättern. Heute sind in diesem Handel große Summen im Spiel. So war im Mai dieses Jahres einem amerikanischen Privatsammler die handschriftlich korrigierte Partitur der Erstausgabe von Ludwig van Beethovens Neunter Symphonie mehr als zwei Millionen englische Pfund wert.

Das Musikantiquariat Liepmannssohn, seit 1936 unter dem Namen Otto Haas weitergeführt, blickt auf eine 137-jährige wechselvolle Geschichte zurück. Nach 25 Jahren Pause legt das Haus nun erstmals wieder einen kleinen, exklusiven Katalog vor.

1866 gründete der in Berlin geborene Leo Liepmannssohn sein eigenes Unternehmen in Paris. Dort gab er sechs Jahre lang sorgfältig recherchierte und mit Preisen versehene Kataloge heraus, ein Novum auf dem damals noch jungen Spezialgebiet. Die Geschäfte liefen zunächst gut, bis Liepmannssohn während des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71 nach London emigrierte. Nach seiner Rückkehr sah er als Deutscher in Paris keine Zukunft mehr und verlegte seine Aktivitäten zurück nach Berlin. 1903 stieß der Antiquar Otto Haas als Partner dazu und führte nach dem Tod von Liepmannssohn das Unternehmen zunächst unter dessen Namen mit zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen fort. 1935 gab es dann einen abermaligen erzwungenen Ortswechsel: Otto Haas musste als Jude Deutschland verlassen und firmierte im Londoner Exil fortan unter eigenem Namen. In seinem Todesjahr 1955 verkaufte Haas das Unternehmen an Albi und Maude Rosenthal, ihrerseits hoch geachtete Musikexperten.

Rosenthal besaß bereits eine eigene Firma in Oxford, betreute Sammlungen, vermittelte die Nachlässe unter anderem von Igor Strawinskij und Anton von Webern und war für Privatsammler und öffentliche Institutionen auf Auktionen präsent. Die meiste Zeit widmete er zuletzt dem Aufbau der Paul Sacher Stiftung in Basel, die als die bedeutendste Sammlung von Musik-Autografen des 20. und 21. Jahrhunderts gilt. Für die Herausgabe von Katalogen blieb kaum Zeit. Umso interessanter ist es zu sehen, was nun nach einem Vierteljahrhundert Pause als Otto Haas Catalogue 40 vorliegt.

Die Erstellung des 86-seitigen Bandes überließ Rosenthal dem Stuttgarter Musik-antiquar Ulrich Drüner, mit dem Rosenthal seit 30 Jahren geschäftlich verbunden ist. Aus dem, was sich in den letzten 25 Jahren angesammelt hatte, aber nie angeboten wurde, wählte Drüner 100 Objekte aus. Darunter einige "Zimelien", wie er sagt.

Den Titel ziert ein 1893 entstandener Einband der Komposition La damoiselle élue von Claude Debussy. Die Illustration im Art-nouveau-Stil zeigt eine träumerische Dame im langen rosafarbenen Kleid vor schwarzem Sternenhimmel. Mit grünem Bleistift hat sich der Komponist darin "avec ma sympathie d’artiste, Claude Debussy, Juillet 93" dem Zugewidmeten empfohlen (2800 Pfund). Die Korrespondenz von Edward Elgar mit drei Korrektoren auf 77, von den Druckplatten abgenommenen Seiten des Klavierauszugs seiner Symphonie Nr. 1, Op. 55 aus dem Jahr 1908 ist ein weiteres ungewöhnliches Dokument im Ringen um die endgültige Fassung der Komposition. Teils in englischer, teils in deutscher Sprache sowie in unterschiedlichen Farben stehen Korrekturen am Rand und zwischen den Noten, Kommentare, auch Vorschläge und deren Streichung durch den Komponisten (7500 Pfund).

Ebenfalls eine Zimelie ist eine von 30 Ausgaben des Krämerspiegels auf Japanpapier , zwölf ironische Gesänge des Schriftstellers und Kritikers Alfred Kerr. Richard Strauss vertonte sie 1921 für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, und der in den zwanziger Jahren berühmte Buch-Illustrator Michel Fingesten stattete sie mit satirischen Zeichnungen aus (9500 Pfund).

Für 50000 Pfund wird ein Konvolut von Skizzen und Briefen von Benjamin Britten angeboten, die auch die Entstehung der Oper Peter Grimes unmittelbar nachvollziehen lassen – ein Stück Geschichte der modernen englischen Oper. Der schön bebilderte und reich kommentierte Haas-Katalog weist neben weiteren Prachtstücken auch charmante Sammlerstücke auf, so etwa das Programmheft eines Haydn-Konzerts im Londoner New King’s Theatre von 1795, das sein ehemaliger Besitzer handschriftlich mit „Grand but very noisy“ kommentiert hatte (950 Pfund). (Bezugsquellen: AlbiRosenthal@aol.com , antiquariat@musik-druener.de )