Die Ukraine interessiere ihn nicht, sagt der Kölner Entertainer Harald Schmidt und grinst und lacht. Und alle, die ihm zugucken, lachen und grinsen auch und halten wie er in hohen Ehren dagegen: das harte schnelle Leben in New York. Ukraine, Grenzland, Randzone, Rand der zivilisierten Welt, das klingt nach verfilzten Wollmützen. Dabei ist die Ukraine die Bronx Europas. Ihr fehlen nur die Geschwindigkeit und der Sex-Appeal der amerikanischen Unterwelten. Aber nicht mehr lange. Wer seine Freizeit bisher noch nicht im Kreis ukrainischer Mädchenhändler verbringt, sollte zumindest die glänzend geschriebenen landeskundlichen und kulturmelancholischen Essays aus der Feder des ukrainischen Autors Juri Andruchowytsch lesen. Und zwar aus sechs Gründen.

Der Autor!

Juri Andruchowytsch ist ein einnehmender, fröhlicher Mensch mit einem wippenden Gang, der in der kleinen Stadt Stanislau, auf Ukrainisch Iwano-Frankiwsk genannt, am Fuße der Karpaten lebt. Er ist 43 Jahre alt, hat die Schriftstellerei am Moskauer Literaturinstitut durchaus studiert, hat in Lemberg eine Zeit lang als wilder Dichter residiert, hat amerikanische Studenten unterrichtet und deutsche Stipendiatenvillen bewohnt und ist am Ende nach Stanislau zurückgekehrt: drei Zimmer, zwei halbwegs erwachsene Kinder, eine Katze, Bilder, Gummipflanzen, rund um die Uhr fließendes Wasser, ein kleines Paradies, könnte fast in Köln liegen. Warum ausgerechnet Stanislau? "Die Helden Joseph Roths haben in solchen Städten genächtigt, um sich auf dem Weg nach New York noch mal ein Zimmermädchen vorzunehmen", schreibt Andruchowytsch. Zu Stanislau ist noch viel zu sagen.

Europa!

Die Ukraine gehört eigentlich nicht dazu, Visumpflicht, eisige Winter und der ganze Postsowjetismus sprechen dagegen. Und trotzdem: Die Ukraine ist nicht nur der zweitgrößte europäische Staat, sondern auch das geografische Zentrum Europas, am Rand der kapitalisierten Welt gelegen und von dieser mindestens noch fünfzig Wirtschaftsjahre entfernt. Europa also, von dem wir nur in Ausnahmefällen und nur im Feuilleton sprechen, um Europa dreht sich hier noch alles. Mein Europa heißt ein (bisher nur in Auszügen in der Zeitschrift Transit übersetztes) Werk, das Andruchowytsch und sein polnischer Freund Andrzej Stasiuk verfasst haben. Den Titel muss man ernst nehmen. Hier werden Ansprüche erhoben, die den westlichen Europa-Besitzer verschrecken. Wozu das Denken in Grenzen, Territorien und Landesfarben?, wird er fragen. Ästhetik und Heimatkunde haben doch gar nichts miteinander zu tun, wird er sagen. Wenn diese nationale Trachtendiele sich weiter ausbreitet, wird er maulen, verbringt bald das ganze zivilisierte Europa seine Sommerferien in Hannover.

Alles Unsinn. Wir lernen hier, was uns die Südosteuropäer seit vielen Jahren geduldig erklären: dass Literatur etwas mit Geografie zu tun hat, mit dem Staub, dem Licht, dem Dreck eines bestimmten Territoriums. Mit Orten wie Dukla, Gegenden wie Galizien, Mutterländern wie Slowenien, Gebirgen wie dem Karst und den Karpaten, mit Flüssen und alten k. u. k Eisenbahnlinien, Kopfsteinpflaster und Wasserscheiden. Literatur hat einen Ort – und zwar umso penetranter, bildhafter und eindrücklicher, je weiter sie sich vom westlichen Zentrum entfernt, dem chromverspiegelten Potsdamer Platz unseres Inneren.

Mit Andrzej Stasiuk, Autor des Romans Die Welt hinter Dukla und der Erzählungen Galizische Geschichten reist Andruchowytsch durch das östliche, das letzte Territorium, von dem noch keine neue Macht Besitz ergriffen hat und das es schon morgen vielleicht nicht mehr geben wird.

Stasiuk lebt ein paar Seelenkilometer von Stanislau entfernt in einem galizischen Kaff in den Beskiden, das seit kurzem auf der westlichen Seite der Welt liegt. Hier sitzt er spät nachts vor seiner alten Waschmaschine wie ein Kind vor seinem Schulatlas (behauptet er jedenfalls in dem gemeinsamen Europa- Buch). Er starrt in die Waschtrommel und stellt sich die große nächtliche Ebene des Ostens vor, über der die Feuerwerke von Lemberg und Bukarest leuchten, bis das Morgengrauen sie löscht. Er wartet auf die Wäsche und liest. Er liest Danilo Ki∆, Bohumil Hrabal, Joseph Roth und Dubravka Ugre∆iƒ, den ganzen Atlas südosteuropäischer Literatur, zerrissen, zerlumpt wie die Geschichte und die Geografie, aus der sie kommt. Er hat das Programm Hauptwäsche eingestellt, Temperatur 60 Grad, und will zwei Stunden über Europa nachdenken.