Der Ethikrat Philosophische Hilfestellungen (109. Folge). Diesmal für:
Golfsburg
Vom 25. August an soll die Stadt Wolfsburg offiziell »Golfsburg« heißen: Sämtliche Ortsschilder, ja sogar die städtischen Briefköpfe sollen zur Feier eines neuen Golf-Modells geändert werden zumindest sieben Wochen lang. Der Ethikrat jault mit den Wölfen
Da hätte man nun meinen können, der Voodoo-Namenszauber sei vorbei, nachdem die alten Strohhut-Schamanen aus dem Palast der Republik verjagt wurden. Karl-Marx-Städter sind wieder von allen Bindestrichen befreite Chemnitzer, und das gebeutelte (Ost-)Berlin kann auf den verbalen Wurmfortsatz verzichten, »Hauptstadt der DDR« zu sein. (Das ist ortsschilderfreundlich und hat allein schon die friedliche Revolution gelohnt.) Doch uns war kein langes Aufatmen vergönnt, denn angesichts von Golfsburg verschlägt es einem gleich wieder den urbanen Atem. Was da Oberbürgermeister Rolf Schnellecke mit den Marketingmädels und jungs ausgeheckt hat, bedarf dringend eines Ethikrates. Dürfen die denn das? Wir wollen jetzt gar nicht mahnend den Zeigefinger so weit nach hinten strecken, bis wir auf den Namen »Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben« stoßen. Dafür kann schließlich Herr Schnellecke nichts, und die Stadt hatte sich ja sofort nach dem Krieg reumütig zu den vergleichsweise harmlosen Wölfen bekannt. Zudem erscheint Golfsburg zunächst als ein eher unschuldiger PR-Gag, der vielleicht sogar einige ICE-Durchreisende im Bahnhof gnädig schmunzeln und so vergessen lässt, dass wieder einmal die Klimaanlage ausgefallen ist. Ein ziemlich erfolgreicher Gag zudem, denn immerhin wird ihm jetzt sogar ein Ethikrat gewidmet. Und offiziell heißt es beschwichtigend, es sei nur »eine Geste der Sympathie für Volkswagen«. Mehr nicht? Wir ahnen, dass es keine bloße Gefühlswallung ist, wenn aus leeren Kassen noch Geld für neue Ortsschilder rinnen soll. Dahinter steht das Motto, welches auch im alten Europa gilt: Was gut ist für VW, ist gut für Wolfsburg! Was tut man nicht alles im Schatten der Geier, die garstig über vielen Kommunen ihre Kreise drehen. Um diesem Getier zu entkommen, rollt die Stadt dem neuen Golf verbal den roten Teppich vor die Räder und wandelt sich in ein Gesamtwerbekunstwerk. (Listigerweise nur für einige Monate, denn wer weiß, wie das Nachfolgemodell heißen wird, wenn die Generation Golf in die Jahre kommt?)
Aber die ethische Frage bleibt: Wie weit darf und soll sich die Politik dem Kommerz und Marketing unterordnen? Nicht ganz so weit wie Wolfsburg, lautet der Ethikrat. Und das nicht nur, weil da eine neue Unwirtlichkeit unserer Stadtnamen droht (man denke an McHamburg, Bad HersAmerzonfeld oder DaimlerChryslerfingen), sondern auch, weil wir nun mal in einer PR-Welt der Zeichen, Bildchen und Symbole leben. Und es ist ein schlechtes Zeichen, wenn die ganze Stadt solch einen Verbalkotau macht. Früher prangte das Wolfsburger Wappen von den Lenkrädern (!) der alten Käfer, jetzt droht der Golf den Weg ins Stadtwappen zu finden. Nein, das politische Gemeinwesen soll sich seine Eigenständigkeit auch symbolhaft bewahren.
Was natürlich nicht heißt, dass die Politik so tun darf, als ob sie über den weltlichen Dingen schwebe und sie die eigene Logik, die eigenen Zwänge der Ökonomie ignorieren könne. Das hat sich unterdessen sogar bis zur bartfreien Hälfte der IG Metall herumgesprochen. Kühe kann man nun mal erst melken, nachdem man ihnen gestattet hat, auf saftigen Almen zu weiden. Doch es bekommt der Politik überhaupt nicht, wenn sie zur bloßen Kuhkraftfutterwerbung wird. Sie hat ihre eigene Aufgabe, muss unabhängig bleiben, weil sie nur so zugleich vermitteln und Grenzen ziehen kann. Da ist es ein falsches Symbol, den Wolf in einen Golfblechpelz zu stecken. Aber wo sich genau der rechte Weg für politisches Handeln in einer ökonomisch überschwappenden, globalen Welt erstreckt, das ist in der Tat schwer zu ergründen. Weswegen diesmal für den Ethikrat leider gilt: Er ist leicht zu geben, schwer zu befolgen.
CHRISTIAN ILLIES
- Datum
- Serie Ethikrat
- Quelle (c) DIE ZEIT 24.07.2003 Nr.31
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