Am 29. Juni 1921, vormittags um 9 Uhr, findet im voll besetzten großen Sitzungssaal des Leipziger Reichsgerichts einer der wichtigsten Prozesse statt über die Vorwürfe der Alliierten wegen deutscher Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg. Angeklagt sind General a. D. Karl Stenger und Major a. D. Benno Crusius. Sie sollen die Erschießung von etwa fünfzig französischen Kriegsgefangenen angeordnet haben, im August 1914 auf dem Vormarsch in Lothringen. "Alle Gefangenen, auch die verwundeten, sind zu töten", habe Stenger befohlen, weil die Franzosen bei Gefechten im Wald auf Bäume geklettert waren, um die Deutschen von hinten zu erschießen. Ein anderer General tritt als Zeuge auf, um Stenger zu entlasten. Der Präsident des 2. Strafsenats gibt zu bedenken, diese Taktik der Franzosen sei nicht völkerrechtswidrig, verstoße nicht gegen die Haager Landkriegsordnung. Jeder kämpfe eben auf seine Weise. "Der Deutsche kann das nicht", war die militärisch knappe Antwort des Zeugen.

Das war der schwarzweißrote Faden in diesen Prozessen – auch für die Richter: Deutsche Soldaten begehen keine Kriegsverbrechen, schon gar nicht deutsche Offiziere. Erinnerungen werden wach an Proteste gegen die Ausstellung zum deutschen Vernichtungskrieg 1941 bis 1944, veranstaltet von Jan Philipp Reemtsmas Institut für Sozialforschung in Hamburg. Aus diesem Institut kommt nun auch die sehr sorgfältige und eindrucksvolle Beschreibung jener Verfahren in Leipzig. Verfasser ist Gerd Hankel, der mit Gerhard Stuby 1995 ein vorzügliches Buch herausgegeben hat über Völkerstrafrecht, wie man das heute nennt. Es begann mit den Leipziger Prozessen 1921/22, erreichte seinen Höhepunkt im Nürnberger Prozess 1945/46 und hat seine vorläufige Vollendung gefunden mit der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der dieses Jahr seine Arbeit aufgenommen hat.

Hankel stützt sich auf neues Material aus Archiven der DDR und kann deshalb genauer berichten als frühere Untersuchungen, zum Beispiel über jene Szene aus dem Prozess gegen Stenger und Crusius. Das Ergebnis damals: Freispruch für den General – offensichtlich falsch – und zwei Jahre Gefängnis für den Major. Er beschreibt die Vorgeschichte der Prozesse, den Versailler Vertrag, mit dem die Auslieferung des Kaisers verlangt wurde und 890 anderer, die vor ein internationales Kriegsgericht gestellt werden sollten. Aber die Niederlande schützten Wilhelm II. mit ihrem Asylrecht, und die Reichsregierung würde einen Aufstand riskiert haben, wenn sie den Vertrag über die 890 – Reichskanzler, Generäle, Offiziere, Soldaten – erfüllt hätte. Also waren die Alliierten schließlich einverstanden, dass in Leipzig verhandelt wurde, und schickten eine "Probeliste" mit 45 Namen und Anschuldigungen.

Der Autor ist Jurist. Er schildert die Probleme der Anklagebehörde – der Reichsanwaltschaft – und der Richter: auf der einen Seite das Recht, auf der anderen oft unzureichende Informationen und überzogene Behauptungen der Alliierten, dazwischen überall der schwarzweißrote Faden und das Ergebnis: ein Mixtum compositum. 35 Verfahren wurden von vornherein eingestellt. Zehn Urteile wurden gefällt, davon sechs Freisprüche. Die Anklage gab sich durchaus Mühe; man wollte dem Ausland beweisen, wie "objektiv" man sei. Trotzdem war die Vorstellung nicht überzeugend, wie auch der Autor feststellt.

Wichtigster Fall war, neben dem eingangs beschriebenen, die Affäre um die Llandovery Castle, der dazugehörige U-Boot-Krieg, seine Gründe und völkerrechtlichen Probleme. Die Llandovery Castle war ein englisches Lazarettschiff, das U-Boot hieß U86 , sein Kommandant Helmut Patzig, der am 27. Juni 1918 bei Irland nicht nur das Schiff torpedierte, sondern auch die Überlebenden in den Rettungsbooten beschießen ließ, um Zeugen zu beseitigen. Es gab mehrere hundert Tote, aber ein Boot entkam im Dunkel der Nacht. Was macht ein U-Boot-Kommandant nach dem Krieg? Er taucht unter. Und die Reichsanwaltschaft? Sie sucht und findet zwei Offiziere, die mit ihm auf dem Turm waren, als geschossen wurde: Ludwig Dithmar und John Boldt.

Sie werden verurteilt zu je vier Jahren, kurz danach befreit aus den Gefängnissen, der eine in Hamburg, der andere in Naumburg an der Saale, und 1928 werden sie vom Reichsgericht in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen. Der Kapitän war inzwischen wieder aufgetaucht, und ein Reichsjustizminister fand 1930 die Lösung, ließ ihm Straffreiheit geben nach zwei Amnestiegesetzen für politische Delikte, zu denen Kriegsverbrechen allerdings nicht gehörten, wie Gerd Hankel zu Recht bemerkt.

Sein Resümee: Dass Kriegsverbrecher vom eigenen Staat unzureichend verfolgt werden, sei keine deutsche Besonderheit. Er erinnert an Leutnant William Calley, der im vietnamesischen Dorf My Lai am 16. März 1968 ein Massaker mit über 300 Toten befohlen hat, deswegen 1971 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt und nach einem nationalen Entrüstungssturm drei Jahre später in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde.

Berechtigt nun der Internationale Gerichtshof zu Hoffnungen? Auch da ist der Autor eher skeptisch. Er geht nicht weiter auf die Rolle der USA ein, die das Gericht bekämpfen und nach einem von George W. Bush unterzeichneten Gesetz – American Service Membership Protection Act – sogar ihre dort angeklagten Militärs und Politiker mit militärischer Gewalt befreien wollen aus der Haft in den Niederlanden. Trotzdem: Gerd Hankel hat ein wichtiges Buch geschrieben, lesenswert auch für uns alte Europäer, die immer noch glauben, das Recht werde sich durchsetzen. Eines Tages.