Paris

Noch zu Jahresanfang kannte die Häme keine Grenzen. "Nichts geht mehr für Gerhard Schröder", "Das Ende des rheinischen Kapitalismus", "Europas kranke Nation" – mit Entsetzen und Schadenfreude meldeten Le Monde und Le Figaro den unaufhaltsamen Niedergang Deutschlands. Gut ein halbes Jahr später erlebt die rechtsliberale Raffarin-Regierung beim Umbau ihrer Sozialsysteme und der Staatszuständigkeiten selbst die Mühen der Ebene. Und plötzlich erfreut sich das krankgeschriebene Land jenseits des Rheins neuer französischer Wertschätzung.

Ob es die deutsche föderale Verfassung als Vorbild für die Entzerrung der Pariser Allzuständigkeiten ist oder der zarte Fortschritt bei der Senkung der Staatsquote, ob es Gerhard Schröders angekündigte Steuererleichterungen sind oder die Sanierungsversuche der Renten- und Krankenkassen – seit die Franzosen, freilich ebenfalls mit jahrelanger Verspätung, an den gleichen innenpolitischen Baustellen schuften, ist der Hochmut verflogen.

Nach einem Frühling des Aufbegehrens mit den größten Streikwellen seit dem Unruhejahr 1995 folgt ein Sommer des Missvergnügens. "Frankreich befindet sich in einem Zustand, den man schwer beschreiben kann: schwach, regressiv, zersplittert, verschimmelt!", schimpft der konservative Publizist Alain-Gérard Slama und trifft damit fast die Selbstzerfleischungstonlage, die man bislang allenfalls von "Deutschland-scheitert"-Literaten Berliner Provenienz kannte. Der Politologe Nicolas Tenzer wirft der Regierung vor, sie fröne einem "Kult der Nähe, des Kleinen und der lokalen Sorgen, der die Mittelmacht Frankreich zur Mittelmäßigkeit verleitet".

Gebeutelt durch den größten Konjunktureinbruch seit zehn Jahren, kassiert die Regierung derzeit für jeden Erfolg eine Niederlage. Zwar konnte sie erstmals gegen den Druck der Straße eine Rentenreform verabschieden, welche die erwarteten Defizite um wenigstens ein Drittel mindern soll. Doch ein ähnlicher Versuch mit der Arbeitslosenversicherung für Freiberufler provozierte die heftigsten Künstlerstreiks seit1968. Frankreichs Sommerfestivals waren lahmgelegt.

Nicht einmal Innenminister Nicolas Sarkozy, dem die Franzosen vor Monaten noch wegen drastisch gesenkter Kriminalitäts- und Unfallraten zujubelten, bleibt verschont. Seine Law-and-Order-Politik lässt Frankreichs Gefängnisse aus allen Nähten platzen. Sie sind im Durchschnitt um ein Viertel überbelegt. Auch ließ er jüngst ohne Not den populären Protestbauern José Bové, der abwechselnd McDonald’s-Restaurants und Felder mit Genpflanzen verwüstet, mit einem Anti-Terror-Stoßtrupp vom sonntäglichen Frühstückstisch weg verhaften.

Schließlich schaffte Sarkozy es, durch einen der größten Fahndungserfolge der letzten Jahre eine wichtige Volksabstimmung zu verpatzen. Anlässlich der Verhaftung des langgesuchten korsischen Nationalisten Yvan Colonna, des mutmaßlichen Mörders eines Inselpräfekten, vergaß Sarkozy eben dieses Wörtchen "mutmaßlich" zu erwähnen. Die Korsen verstanden dies als Vorverurteilung, was nicht unwesentlich zum Scheitern des Referendums über eine Teilautonomie der Insel beitrug und bereits eine neue Serie von Bombenanschlägen provoziert hat.

Hinzu kommen Sarkozys Probleme mit dem neuen "Muslimischen Zentralrat", in dem radikale Islamisten den Kampf um den Frauenschleier als Machtprobe mit dem laizistischen Staat nutzen. Und Erziehungsminster Luc Ferry bekommt den Widerstand seiner 800000 Lehrer gegen die Rentenreform und die Dezentralisierung der Schulverwaltung nicht in den Griff.